Zwei Lehrer und ein Schüler wurden bei einem Messerangriff eines Schülers an der Borsa Istanbul Vocational and Technical Anatolian High School in Çekmeköy Taşdelen verletzt; die Gewerkschaft gab bekannt, dass sich einer der Verletzten in einem ernsten Zustand befindet... Dieser Vorfall ist nicht nur ein Fall für die Justiz. Er ist ein Beleg für den Zustand des Bildungswesens, der öffentlichen Gewalt und der sozialen Kultur in der Türkei.
Es als “Einzelfall” zu bezeichnen, beruhigt nur das Gewissen. Die Wahrheit ist es nicht.
Dieser Artikel ist kein Text zum Trauern. Er ist eine Polemik, eine Diagnose und ein politischer Aufruf.
“Die Ideologie des ”individuellen" Diskurses
Jeder Fall von Gewalt in der Türkei ist ein Einzelfall. Denn das Wort “isoliert” ist das nützlichste Instrument, um die Verantwortung des Systems auszuschließen. Ein Angriff mit einem scharfen Gegenstand in einer Schule weist jedoch auf eine dreischichtige Schwäche hin:
- Schwäche der physischen Sicherheit - Einreisekontrolle, Krisenprotokoll, Kontrolle riskanter Güter.
- Organisatorische Anfälligkeit - Disziplinarverfahren funktionieren nicht oder sind nicht abschreckend.
- Psychosoziale Blindheit - Versäumnis, riskantes Verhalten frühzeitig zu erkennen.
Aus diesem Grund ist Eğitim Sen's Betonung “Gewalt nimmt zu” so wichtig. Gewalt ist nicht nur ein individueller Ausbruch von Wut, sondern eine Kette institutioneller Versäumnisse.
Sie ist nicht isoliert. Sie ist strukturell.
Erosion der Autorität: Die systematische Isolierung des Lehrers
In den letzten zwanzig Jahren ist die Autorität des Lehrers bewusst oder unbewusst ausgehöhlt worden.
- Der Druck der Eltern wurde normalisiert.
- Die Beschwerdekultur hat sich institutionalisiert.
- Der pädagogische Ermessensspielraum des Lehrers wurde eingeengt.
Heute haben viele Lehrer Angst davor, dass man sich bei ihnen beschwert, statt sie zu disziplinieren. Sie sind nicht nervös, wenn sie Noten geben, sondern wenn sie Nachrichten von Eltern erhalten.
Pädagogische Autorität ist keine willkürliche Macht. Sie beruht auf Wissen und fachlicher Kompetenz. Wenn diese Autorität geschwächt wird, entsteht nicht Freiheit, sondern Chaos.
Ein Autoritätsvakuum gibt es in der Natur nicht. Entweder die Norm oder die Gewalt füllt dieses Vakuum aus. Wenn man die Norm schwächt, kommt die Gewalt.
Die Vermarktlichung der Bildung: Der Zusammenbruch der Kundenlogik
Bildung ist kein öffentliches Recht mehr, sondern wird auf eine Leistungs- und Zufriedenheitsgrafik reduziert. Die Schule ist als ein Dienstleistungssektor konzipiert, der Ergebnisse produziert, und nicht als ein Bereich, in dem Wissen vermittelt wird.
Das Ergebnis dieser Umwandlung ist das folgende:
- Studentischer Kunde,
- Elterliche Aufsichtsperson,
- Dienstpersonal für Lehrkräfte.
Die Logik der Kundenzufriedenheit untergräbt die pädagogische Autorität. Disziplinierung wird als Unterdrückung empfunden. Grenzen zu setzen gilt als traumatisierend. Bei seinen Entscheidungen denkt der Lehrer nicht an Pädagogik, sondern an mögliche Beschwerden.
Dieses System ist nicht nachhaltig.
Politisches Klima: Verhärtete Sprache, verhärtete Jugend
Die Schule ist nicht unabhängig von der Gesellschaft. Die schärfere Sprache in der Öffentlichkeit spiegelt sich im Klassenzimmer wider. Es ist unrealistisch, von jungen Menschen, die in einer politischen Kultur aufwachsen, die ständig polarisiert und antagonisiert, ein hohes Maß an Toleranz und Selbstbeherrschung zu erwarten.
Gewalt ist nicht nur eine individuelle Psychologie. Sie ist ein kulturelles und politisches Klima.
Wenn die Macht in der Gesellschaft geheiligt wird, wird das Wissen abgewertet. Wenn Wissen abgewertet wird, wird der Lehrer zur Zielscheibe.
Abgrenzungskrise in der Familie
Erziehung ist kein Bereich, in den man die Elternschaft auslagern kann. Ein Kind, das zu Hause keine Grenzen gesetzt bekommt, empfindet es als Angriff, wenn es in der Schule auf Grenzen stößt.
Jedes Verhalten als “Selbstvertrauen” zu rechtfertigen, bereitet das Kind auf den Konflikt mit der realen Welt vor. Die erste ernsthafte Begegnung mit Disziplin wird zu einem traumatischen Bruch.
Die Schule kann keine Wunder vollbringen, wenn die Familie ihrer Verantwortung nicht nachkommt.
Das ist ein hartes Urteil, aber es ist wahr.
Vernachlässigung von Beratungsdiensten
Gewalt tritt nicht plötzlich auf. Sie kündigt sich im Voraus an:
- Änderung von Verhaltensweisen,
- Soziale Isolation,
- Akademischer Niedergang,
- Intensive Wutausbrüche.
Ohne einen starken Mechanismus zur systematischen Überwachung dieser Signale ist eine Krise unvermeidlich. Die Beratungsdienste sind personell schwach ausgestattet und verfügen über wenig Befugnisse.
Die Installation von Metalldetektoren ist keine Lösung. Sicherheit kann nicht ohne eine verstärkte psychosoziale Unterstützung gewährleistet werden.
Staatliche Verantwortung
Das Bildungsministerium kann eine Erklärung abgeben. Aber eine Erklärung ist keine Politik.
Die tatsächliche Politik umfasst:
- Verschärfende Sanktion bei Gewalt gegen Lehrer,
- Standardisiertes nationales Schulsicherheitsprotokoll,
- Frühwarnsystem für gefährdete Schüler,
- Starkes Beratungspersonal,
- Rechtlicher Schutz der pädagogischen Autorität des Lehrers.
Ohne sie wird jeder Vorfall als “bedauerlicher Vorfall” archiviert.
Lösung: Hart, klar und systemisch
Dieses Problem kann nicht mit Slogans gelöst werden. Das Bild wird sich nicht ändern, wenn nicht die folgenden Schritte unternommen werden:
- Automatische schwere Strafe für Gewalt gegen Lehrer.
- Nationales Schulsicherheits- und Krisenprotokoll.
- Frühwarn- und Risikoüberwachungssystem.
- Reform der Beratung und psychosozialen Unterstützung.
- Der rechtliche Rahmen zur Regelung der elterlichen Verantwortung.
- Ausdrückliche rechtliche Garantie der pädagogischen Autorität des Lehrers.
Wenn diese Reformen nicht durchgeführt werden, wird jeder “isolierte” Vorfall die Grundlage für den nächsten bilden.
Bildungskrise ist eine Regime-Krise
Wenn die Lehrer in einem Land Angst haben, ist der Staat schwach.
Wenn ein Lehrer in einem Land keine Autorität ausüben kann, ist die Normproduktion zusammengebrochen.
Wenn Gewalt in einem Land alltäglich wird, liegt das Problem nicht beim Einzelnen, sondern beim System.
Der Anschlag in Çekmeköy ist eine Schwelle.
Das Problem ist nicht ein Messer in der Hand eines Schülers.
Das Problem ist nur, dass das Messer den ganzen Weg bis zu dieser Schule geschafft hat.
Dieser Artikel ist schwierig, weil das Thema schwierig ist.
Dieser Artikel ist polemisch, weil Unterlassung Polemik erfordert.
Entweder wir machen Bildung wieder zu einem öffentlichen, sicheren und würdigen Raum;
oder unsere Schulen werden weiterhin ein Spannungsfeld sein.
Bevorzugung ist Politik.
Und wenn die Politik verschoben wird, ist der Preis ein menschlicher, kein pädagogischer.
