Die Drogenproblematik wird in der Türkei aus einer bewusst falschen Perspektive diskutiert. Dieses Problem lässt sich nicht nur durch Straßenkriminalität, Drogendealer oder Bilder von “erfolgreichen Operationen” erklären. Drogen sind eine Folge der Ungleichheiten, die durch den Marktstaat, den Rückzug des Sozialstaates und die systematische Isolation der Jugend in der heutigen Türkei geschaffen wurden.
Es handelt sich also nicht um eine Frage der Sicherheit, sondern um eine Frage der politischen Ökonomie, der öffentlichen Gesundheit und der Klasse.
Nicht Brücke, Hinterhof
Die geografische Lage der Türkei wird seit Jahren mit der Metapher einer “Brücke” beschrieben. In der neoliberalen Ära hat sich diese Brücke jedoch in eine freie Passage für das Kapital und eine prekäre Passage für Arbeiter und Arme verwandelt. Die Drogennetze, die sich von Lateinamerika bis zum Balkan erstrecken, werden nicht nur durch Schwachstellen an den Grenzen, sondern auch durch unregulierte Finanzen, informelle Wirtschaft und politische Blindheit genährt.
Der Drogenhandel ist nicht mehr nur eine kriminelle Aktivität, sondern hat sich zu einer Wirtschaft entwickelt, in der Armut, Arbeitslosigkeit und Sinnlosigkeit zu einer Ware werden. Die Kunden dieses Marktes sind nicht zufällig: Die Schwächsten, die Prekärsten, die Hoffnungslosesten.
Wenn das Alter sinkt, steigt die Verantwortung
Die Tatsache, dass das Einstiegsalter für den Drogenkonsum auf 12-13 Jahre gesunken ist, lässt sich nicht mit der individuellen Moral erklären. Dies ist das unmittelbare Ergebnis der Vermarktlichung des Bildungssystems, des Zusammenbruchs des öffentlichen Raums und der frühen Einführung der Kinder in den Druck von Wettbewerb, Schulden und Versagen.
Die Tatsache, dass etwa %3 der 15- bis 34-Jährigen schon einmal mit Drogen in Berührung gekommen ist, ist mehr als eine Prozentzahl, sie ist ein Indikator für eine Generation, der die Zukunft genommen wurde. Aus einer linken Perspektive stellt sich die Frage:
Warum greifen diese jungen Menschen zu Drogen?
Denn das System bietet ihnen keinen Sinn, keine Sicherheit und keine Zukunft.
Bild, keine Politik
Der staatliche Reflex gegen die Drogen beruht weitgehend auf der Politik des Spektakels. Bilder von Operationen, dramatische Darstellungen, “historische Schläge”... Diese Erzählung vermeidet jedoch bewusst die Diskussion über die strukturellen Ursachen des Problems.
Hier sprechen die Medien die Sprache der Regierung: Drogen werden als abstrakte “Bedrohung” und nicht als soziale Folge dargestellt. So werden Armut, Arbeitslosigkeit, Ungleichheit im Bildungswesen und städtische Armut unsichtbar gemacht. Das Problem wird individualisiert, das System wird beschönigt.
Der Kriminalstaat ist kein Ersatz für den Sozialstaat
Die Härte des türkischen Strafgesetzbuchs kann das Fehlen eines Sozialstaats nicht kompensieren. Eine auf Bestrafung ausgerichtete Politik verringert nicht die Sucht, sondern verstärkt die Stigmatisierung und Ausgrenzung. Da Süchtige als Kriminelle abgestempelt werden, entfernen sie sich vom Gesundheitssystem und werden in den Untergrund gedrängt.
Die Erfahrungen in Portugal, den Niederlanden und Kanada zeigen dies deutlich:
Die wirksamste Politik gegen Drogen ist die öffentliche Gesundheit, kostenlose Behandlung, frühzeitiges Eingreifen und soziale Unterstützung. Was in diesen Ländern zum Erfolg führt, ist nicht “Toleranz”, sondern öffentliche Verantwortung.
Eine linke Lösung ist möglich
Aus Sicht der Linken ist die Lösung klar:
Die Drogenpolitik sollte von der Sicherheit zur öffentlichen Gesundheit verlagert werden.
Bildung sollte von der Marktlogik befreit werden; Schulen sollten das Leben lehren, nicht nur Prüfungen.
Süchtige sollten nicht bestraft, sondern an eine kostenlose und zugängliche Behandlung verwiesen werden.
Die Bekämpfung des Schwarzgeldes und der organisierten Kriminalität muss durch eine echte Kontrolle des Kapitalverkehrs und nicht durch Alibi-Maßnahmen erfolgen.
Die Medien sollten die Forderung der Öffentlichkeit nach Informationen und Rechten verstärken, nicht die Sprache der Angst der Regierung.
Schlussfolgerung: Dies ist eine Klassen- und Zukunftsfrage
Drogen zerstören nicht nur den Einzelnen, sondern auch das soziale Gefüge. Doch diese Zerstörung ist kein Zufall. Drogen breiten sich überall dort aus, wo sich der Sozialstaat zurückzieht, der öffentliche Raum schrumpft und die Jugend zu Konkurrenz und Einsamkeit verdammt ist.
Schweigen ist keine Neutralität.
Strafe ist nicht die Lösung.
Demonstration ist keine Politik.
Drogen kommen leise.
Aber was kommt danach?, sozialer Zusammenbruch.
