In der heutigen Welt ist die Macht zu komplex, als dass sie nur durch Panzer, Gewehre oder Wahlurnen erklärt werden könnte. Wie Antonio Gramsci betonte, ruht die Macht auf zwei Säulen: Gewalt und Zustimmung. Gewalt ist die Macht des Staates, des Gesetzes und der Sicherheitsapparate. Zustimmung ist die durch Medien, Diskurs und Wahrnehmungsmanagement erzeugte Akzeptanz.
Auf globaler Ebene ist dieses Gleichgewicht deutlicher denn je. Staaten bauen ihre eigenen “Realitäten” über die Medien und digitale Plattformen auf und stärken gleichzeitig ihre militärische und wirtschaftliche Macht. Kriege werden nicht mehr nur auf dem Schlachtfeld gewonnen, sondern auch auf Bildschirmen, in Schlagzeilen und Algorithmen.
In der Türkei tritt diese Gleichung noch unverhüllter zutage. Seit langem hat die politische Macht ihre Sphäre erweitert, indem sie sowohl die Instrumente des Zwangs (Justiz, Bürokratie, Sicherheitsapparat) als auch die Mechanismen der Konsensproduktion (Medien, öffentlicher Diskurs, Agenda-Setting-Macht) gemeinsam nutzt. Diese Situation erhöht zwar die Nachhaltigkeit der Macht, verengt aber auch den Raum für gesellschaftliche Debatten. Denn je stärker die Produktion von Zustimmung wird, desto mehr wird Kritik entweder an den Rand gedrängt oder unsichtbar gemacht.
Die eigentliche Sollbruchstelle liegt jedoch nicht hier. Das eigentliche Problem ist, dass dieses Modell nicht nur in der Regierung, sondern auch in den parteiinternen Machtkämpfen reproduziert wird. Politische Parteien, die eigentlich Räume des demokratischen Wettbewerbs und der Meinungsvielfalt sein sollten, verwandeln sich zunehmend in kleine “Laboratorien der Macht”.
Diejenigen, die innerhalb der Partei die Macht haben, nutzen oft beide Methoden:
-Schwierig: Delisting, Entlassung, Ausschluss
-Zustimmung: Sichtbarkeit in den Medien, Diskurskontrolle, Definition der “richtigen Linie”
So wird die Opposition innerhalb der Partei entweder zum Schweigen gebracht oder aus dem System gedrängt. Wenn die Loyalität an die Person und nicht an das Prinzip gebunden ist, wird das Verdienst zurückgezogen und durch “Harmonie” ersetzt. An diesem Punkt gewinnt Michel Foucaults Aussage, dass “die Macht überall ist”, an Bedeutung: Denn die Macht reproduziert sich nicht nur im Staat, sondern auch in jeder Struktur, die ihn nachahmt.
Beim heutigen Stand der Dinge geht es vor allem um Folgendes:
Regierungen leben nicht mehr nur von ihrer Macht, sondern sie diktieren den Menschen auch, wie sie die Realität sehen.
Aber die Geschichte hat eine unveränderliche Regel:
Zwang erzeugt Gehorsam, Zustimmung erzeugt Glauben.
Und wenn der Glaube verloren geht.
Selbst die stärksten Strukturen brechen nicht auf einmal zusammen, sondern von innen heraus.
