HALKWEBAutorenDas Programm der CHP: Eine glänzend verpackte Hohlraumwirtschaft

Das Programm der CHP: Eine glänzend verpackte Hohlraumwirtschaft

Dieses Programm ist kein Visionsdokument, es ist die dünne Hülle einer neuen Legitimation, die auf eine alternde politische Mitte aufgetragen wird.

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Das neue Parteiprogramm, das die CHP auf ihrem 39. Parteitag verkündet hat, ist nichts anderes als die Wiederholung der chronischen “Form-Substanz”-Entkopplung der türkischen Politik in ihrer nackten Form. Dieser Text, der mit seiner Verpackung Hoffnung und mit seinem Inhalt Enttäuschung verspricht, ist kein “Erneuerungsdokument”, wie behauptet, sondern Ausdruck eines institutionellen Schlingerns.

Das erste auffällige Merkmal des Textes ist, dass er umfangreich und inkohärent ist und sich scheut, strategische Bereiche zu berühren. Themen wie die Landwirtschaft, die öffentlichen Finanzen, die Industriepolitik, die Einkommensverteilung, die Verwaltung strategischer Sektoren, die das Rückgrat des Landes bilden sollten, werden lediglich mit oberflächlichen Formulierungen umschrieben. Dies allein zeigt, dass die “Fähigkeit der Partei, ein Programm zu schreiben”, ernsthaft geschwächt ist.

Neoliberaler Kern mit sozialdemokratischem Anstrich

Die wirtschaftliche Säule des Programms ist ein Meer von Widersprüchen. Es ist leicht zu sagen, dass “es keine Ausschreibungen mit garantiertem Transit geben wird”; es macht niemanden radikal, etwas gegen die umstrittenste Praxis der derzeitigen Regierung zu sagen. Heute fehlt jedoch der politische Wille, diese Ausschreibungen, die eine Hypothek für die Zukunft des Landes darstellen, zu verstaatlichen und rechtliche und finanzielle Verfahren einzuleiten. Während die Tür zur öffentlichen Wirtschaft geschlossen wird, weicht das Programm keinen Millimeter von dem Reflex ab, den auf den Privatsektor ausgerichteten neoliberalen Rahmen zu schützen.

Wo sind die öffentlichen Maßnahmen, die den Staat zu einem konstitutiven Akteur in strategischen Sektoren wie Energiesicherheit, Ernährungssouveränität, Düngemittel- und Pharmaindustrie machen würden? Nichts. Die Behauptung einer sozialdemokratischen Identität ist nur ein dünner rhetorischer Deckmantel für eine marktzentrierte Vision.

Der Diskurs des Wohlfahrtsstaates ist raumlos und rückgratlos

Die universellen Komponenten des Sozialstaates sind klar: Gewerkschaftsfreiheit, Streikrecht, Tarifverhandlungen, Einkommensgerechtigkeit, starke Kommunalverwaltungen und eine Politik, die die Armut strukturell verringert. Keines dieser Themen wird im Programm konkretisiert.

Es ist leicht, eine Gewerkschaft für die Polizei zu versprechen, aber echte politische Maßnahmen wie die Stärkung bestehender Gewerkschaftsrechte, die vollständige Gewährleistung des Streikrechts und die Beseitigung politischer Hindernisse für die organisierte Arbeiterbewegung werden nicht einmal als würdig erachtet, in das Programm aufgenommen zu werden.

Kurz gesagt: Der Sozialstaat existiert als Konzept, aber ohne Raum, Mittel und Willen.

Die Kluft zwischen der kommunalen Praxis und dem Programm

Phrasen wie die Öffnung der Meeresküsten für die Öffentlichkeit und die Ausweitung öffentlicher Räume mögen gut klingen. Wenn aber gleichzeitig in den KWK-Metropolen Küstenbesetzungen, Zonierungsmechanismen und intransparente Ausschreibungsverfahren weitergehen, wird dieser Programmtext nur als Marketingbroschüre funktionieren.

Die Glaubwürdigkeit des Programms wird an der Praxis seiner Durchführenden gemessen. Heute ist das Bild, das sich aus dieser Praxis ergibt, eindeutig: Die Transparenz ist schwach, der öffentliche Wille ist brüchig und die Behauptung eines sozialen Wandels ist nicht existent.

Außenpolitik: Abhängigkeitsorientierung mit diplomatischem Anstrich

Der außenpolitische Teil des Programms wurde in einem Rahmen ausgearbeitet, der die EU und die NATO stärker in den Vordergrund rückt und fast keine radikalen Vorschläge zur regionalen Autonomie, zu einer nationalen Entwicklungsstrategie oder zu einer unabhängigen Verteidigungsdoktrin enthält. In einer Zeit, in der sich das globale Gleichgewicht der Kräfte zu einer multipolaren Struktur entwickelt hat, birgt diese Ausrichtung eine ernsthafte strategische Blindheit in sich.

Die Einhaltung internationaler Normen ist nicht gleichbedeutend mit einer unabhängigen Außenpolitik. Der Unterschied zwischen einer autonomen Strategie, die die nationalen Interessen der Türkei in den Vordergrund stellt, und der Wiederaufnahme in westlich orientierte Blöcke wird in diesem Programm völlig verwischt.

Wer hat das Programm geschrieben? Die eigentliche Frage beginnt hier

Das Programm einer politischen Partei ist ihr Wille, ihr Charakter, ihre historische Akkumulation. Die Behauptungen, dass das Programm der CHP vom Reforminstitut ausgearbeitet wurde - was niemand in der Partei bestreitet - weisen jedoch auf ein tieferes Problem hin: Die CHP hat die institutionelle Fähigkeit verloren, ihr eigenes Programm zu schreiben.

Dies ist keine technische Schwäche, sondern eine Entleerung des politischen Willens. Wenn das Programm auf dem Schreibtisch einer anderen Institution liegt, ist es unklar, woher der Mut und das Selbstvertrauen kommen sollen, es umzusetzen.

Reproduktion der Identitätskrise durch das Programm

Schließlich ist auch die Frage der Sprache im Text wichtig. Die Verwendung von abgerundeten Anreden wie “liebe Nation”, “diese Nation”, “unsere Nation”, um den Ausdruck “türkische Nation” zu vermeiden, ist ein Ausdruck der Unsicherheit in der Identitätspolitik. Der Versuch, die Rhetorik zu erweitern, schließt die soziologische Kluft nicht.

In der politikwissenschaftlichen Literatur wird dies wie folgt beschrieben: “Eine Politik, die ihre Sprache nicht kontrollieren kann, kann auch ihre Identität nicht kontrollieren.” Der Text des CHP-Programms leidet unter genau dieser Krise.

Schlussfolgerung: Das Programm der CHP ist keine neue Politik - es ist die Suche nach einer neuen geschmiedeten Legitimität

Das Kongressprogramm der CHP ist weder ein radikaler wirtschaftlicher Transformationsplan, noch eine Vision eines starken Sozialstaats, noch eine unabhängige Entwicklungsstrategie. Der Text ist kein politischer Wille, sondern ein institutionelles Vakuum, das mit ideologischem Make-up verkleidet ist.

Was die Türkei braucht, sind nicht glänzende Metaphern, runde Sätze und Vorzeigetitel, sondern echtes öffentliches Eigentum, eine unabhängige Wirtschaftspolitik, einen Wohlfahrtsstaat, der sich mit der organisierten Arbeit verbindet, und ein entschlossenes Demokratisierungsprogramm. Der Entwurf der CHP enthält nichts von alledem.

Daher ist dieses Programm kein Visionsdokument, sondern eine dünne Schicht neuer Legitimität, die einem alternden politischen Zentrum aufgesetzt wird.

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