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Das Abenteuer des weißen Mannes

Glauben wir immer noch an das Märchen, das der weiße Mann geschrieben hat?

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Amerika wird wiederentdeckt.
Keine Schiffe mehr. Keine Ozeane mehr. Keine goldgräberischen, die Rechte der Ureinwohner missachtenden Menschenmassen. Aber es gibt die Medien. Es gibt Twitter. Und es gibt diejenigen, die mit demselben Appetit reden, argumentieren und rennen.
Es gibt diejenigen, die im Namen Amerikas andere Länder zu Staaten machen, die die Landkarte vergrößern und verkleinern und über die Territorien anderer Leute diskutieren, als wären sie ein Spielplatz.
Diese Sprache ist vertraut, denn sie war einmal so.
Sie nannten es an diesem Tag eine “Entdeckung”.
“Zivilisation”, sagten sie.
“Eine neue Welt”, sagten sie.
Mutige Segler, neue Horizonte, eine Reise ins Unbekannte...
Es wurde wie ein Märchen erzählt.
In der Vergangenheit nannte man das “Erforschung”.
Heute sagt man “Demokratie”, “Freiheit”, “Stabilität”.
Das Wort hat sich geändert, die Geschichte ist dieselbe geblieben:
Boden.
Quelle.
Macht.

***

Die Geschichte Amerikas wurde uns immer als ein Abenteuer erzählt.
Tapfere weiße Männer, die ins Unbekannte segeln, in eine neue Welt...
Das war die Geschichte.
Aber die Realität sah anders aus.
Einige der ersten Reisenden waren keine Entdecker, sondern unerwünschte Personen: Schuldner, Gefangene, Evakuierte aus Gefängnissen. Die Neue Welt war nicht nur eine Hoffnung, sie war ein Ort der Befreiung von den Lasten der alten Welt. Der Traum derer, die in den Norden reisten, war nicht, von der Natur zu leben, sondern von Gold, Pelzen und schnellem Profit.
Die Einheimischen waren ein Hindernis.
Und die Hindernisse wurden beseitigt.
Eine andere Geschichte wurde in Südamerika geschrieben. Die Ackerbauern sind verschwunden. Die Kirche ist verschwunden. Neue Völker wurden geboren. Im Norden wurde liquidiert, im Süden ausgebeutet. Der amerikanische Norden wurde als “weiß” bezeichnet, der amerikanische Süden als “Mulatte”. Dies war kein unschuldiger demografischer Unterschied, sondern das historische Ergebnis zweier unterschiedlicher Herrschaftsmodelle, zweier unterschiedlicher Techniken der Gewalt.
Jemand wird sie löschen.
Der andere unterdrückt.
Einige teilten das Land.
Einige haben die Erde mit Blut gewaschen.
Dann wurde Geschichte geschrieben.
Von den Gewinnern.
Man erzählte uns Geschichten über das Heldentum des weißen Mannes.
Dee Browns Buch “Bury My Heart in My Homeland” zeigt zwar die koloniale Gewalt und die kulturelle Assimilierung in der Vergangenheit und in der Gegenwart anhand konkreter Beispiele, stellt aber auch Folgendes klar: Es gab keinen “Krieg” in diesen Ländern.
Es gab Vereinbarungen.
Unterschrieben, gebrochen, erneut unterschrieben und wieder gebrochen.
Die Indianer hielten ihr Wort.
Sie zogen sich von ihrem Land zurück.
Er legte seine Waffen nieder.
Dann kam die Armee.
Das Buch schreit nicht. Aber es flüstert diese denkwürdige Phrase:
“Die Weißen haben viele Versprechungen gemacht; sie haben keine davon erfüllt, außer einer. Sie sagten, sie würden unser Land nehmen, und das taten sie auch. Sie gaben den Indianern die Schuld an der Wildheit; sogar die Jäger, die die Skalps und die Beute nahmen, gaben den Indianern die Schuld an ihren Verbrechen.”
Der weiße Mann tut immer noch das Gleiche.
Da drängt sich die Frage auf:
Wenn es Wilde gibt, wen haben wir dann jahrelang als Wilde bezeichnet?
Die Antwort ist beunruhigend.
Aus diesem Grund wird die Wahrheit nie gesagt.

***

Jared Diamond betrachtet in seinem Buch “Gewehr, Keim und Stahl” das Märchen aus einem anderen Blickwinkel und bricht es: Der Westen hat nicht gewonnen, weil er moralisch oder genetisch überlegen war.
Er hat gewonnen, weil er ein Gewehr hatte.
Er hat gewonnen, weil er den Keim hatte.
Er hat gewonnen, weil er Stahl hatte.
Die Gewinner waren also nicht die “besseren und überlegenen Menschen”, sondern diejenigen, die über die tödlicheren Mittel verfügten.
Aber die Erzählung des weißen Mannes von der Gerechtigkeit ist nie zu Ende gegangen.
Er hat nur seine Sprache geändert.
Heute befassen wir uns mit Venezuela.
Wieder die gleichen Sätze.
Die indigene Bevölkerung, die Armen, die einfachen Menschen in Venezuela sind auch heute noch allein. So wie einst die Indianer allein gelassen wurden. Es gibt wieder große Erzählungen.
Wieder sprechen die Experten.
Auch hier werden die Karten an den Tischen geöffnet.
Es gibt Öl.
Quelle.
Es besteht ein strategisches Interesse.
Und wieder sind die Menschen ein Hindernis für diese Interessen.
Dann nannten sie es “Zivilisation”.
Heute sagt man “Freiheit”.
Zu dieser Zeit waren die Einheimischen rückständig.
Heute sind die armen Menschen ohnmächtig.
“Es gibt einen Diktator”.”
“Keine Demokratie”.”
“Das Volk muss gerettet werden.”
Kommt einem bekannt vor, nicht wahr?
Die Einheimischen waren gestern im Weg.
Heute sind die armen Menschen das Hindernis.
Sie leben oberhalb der Quellen.
Sie werden nicht richtig verwaltet.
Sie treffen falsche Entscheidungen.
Das Abenteuer des weißen Mannes geht weiter.
Und dieses Abenteuer geht nicht nur mit Waffen weiter, sondern auch mit dem Stift, dem Bildschirm, der Wissenschaft und den Kolumnen.

***

Die Sache ist die:
Müssen wir diese Geschichte immer noch glauben?
Oder werden wir das akzeptieren?
Es handelt sich nicht um ein Abenteuer.
Dies ist eine jahrhundertealte Tyrannei, ein Banditentum.
Das Abenteuer des weißen Mannes geht weiter.
Die Geschichte der besiegten Völker bleibt in Fußnoten.
Die eigentliche Frage lautet vielleicht:
Glauben wir immer noch an das Märchen, das der weiße Mann geschrieben hat?

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