Wenn die Menschen in einer Gesellschaft beginnen, das Gesetz zu fürchten, anstatt ihm zu vertrauen, gibt es nicht nur ein Problem mit dem Gesetz.
Es gibt eine tiefere Wunde: die Schädigung des Rechtsempfindens.
Denn die wahre Macht eines Staates liegt nicht in seiner Armee oder Wirtschaft, sondern in seiner Gerechtigkeit. Die Menschen halten sich nicht aus Angst an eine Ordnung, sondern weil sie glauben, dass sie gerecht ist.
Beim Recht geht es nicht nur um Urteile, die in Gerichtssälen gefällt werden. Es ist auch das Gewissen der Gesellschaft.
Wenn jedoch das Gewissen von der Politik überschattet wird, beginnt das Recht seine Bedeutung zu verlieren, auch wenn es in Gesetzestexten weiterbesteht. Das Recht hört auf, die Sprache der Gleichheit zu sein und wird zu einem Instrument der Macht.
Das ist der Fall, wenn die Menschen dem Gesetz nicht vertrauen.
Er hat Angst vor ihm.
Ungerechtigkeit wird nicht nur in Gerichtssälen geboren. Manchmal wächst sie im politischen Leben selbst.
Die politischen Parteien sind die Säulen der Demokratie. Wenn jedoch die Gerechtigkeit innerhalb dieser Strukturen untergraben wird, wird die Demokratie stillschweigend geschwächt.
Wenn eine Partei Loyalität statt Leistung belohnt, wenn Gehorsam statt Kritik erwartet wird, wenn Personen statt Ideen geschützt werden, gibt es nicht nur ein Parteiproblem.
Dort ist die Demokratie müde.
Denn Gerechtigkeit sollte nicht nur für diejenigen gelten, die den Staat regieren, sondern auch für diejenigen, die danach streben, den Staat zu regieren.
Wenn es innerhalb einer Partei keine Gerechtigkeit gibt, ist es für die Gerechtigkeit schwierig, in der Regierung dieser Partei stark zu sein.
Die Geschichte hat diese Spannung wiederholt erlebt.
Als Sokrates in Athen vor Gericht gestellt wurde, stand nicht nur ein Philosoph vor Gericht, sondern das Denken selbst. Ihm wurde der Weg der Erlösung gezeigt: Schweigen.
Er entschied sich zu reden.
Denn manchmal bedeutet Schweigen Verrat an der Wahrheit.
Aristoteles definierte die Gerechtigkeit mit einem kurzen, aber wirkungsvollen Grundsatz: “Jedem das zu geben, was er verdient”.”
In einer politisierten Justiz kann sich dieser Grundsatz jedoch ins Gegenteil verkehren. Die Machthaber werden unantastbar, während ihre Kritiker angeklagt werden können.
Dann scheint die Waage der Gerechtigkeit zu ticken.
Aber was gewogen wird, ist nicht die Wahrheit.
Es ist Gehorsam.
Wie Albert Camus sagte, bedeutet das Schweigen in einer ungerechten Ordnung, sich selbst zu verraten.
Denn das Schweigen ist oft der treueste Verbündete der Ungerechtigkeit.
Vielleicht ist es nicht so, dass die Gerechtigkeit blind ist.
Die Frage ist folgende:
Wer bindet die Augenbinde?
Die Gerechtigkeit kann sich verzögern.
Gerechtigkeit kann unterdrückt werden.
Die Justiz kann zum Schweigen gebracht werden.
Aber die Wahrheit lässt sich nicht zum Schweigen bringen.
Denn manchmal liegt die Wahrheit nicht in einem Gerichtsurteil.
Sie lebt im Mut eines Menschen.
Und wenn die Menschen in einer Gesellschaft anfangen, ohne Angst zu sprechen...
Die Gerechtigkeit marschiert wieder.
