HALKWEBWeltMordechai Vanunu: Der Mann, der Israels Atomgeheimnisse aufdeckte

Mordechai Vanunu: Der Mann, der Israels Atomgeheimnisse aufdeckte

Diese 13 Worte, die Vanunu auf seine Handfläche schrieb, waren nicht nur ein Schrei der Entführung, sondern auch ein Schrei des Gewissens. Und dieser Schrei hallt immer noch nach.

Mitten in der Wüste im Süden Israels befindet sich eine Anlage. Das Kernforschungszentrum Dimona. Auf dem Schild an der Tür steht “Textilfabrik”. Man könnte meinen, dass dort Baumwollstoffe gewebt werden. Doch hinter diesen Türen verbirgt sich ein Geheimnis, das das Schicksal des Nahen Ostens verändern wird: Nuklearwaffen.

Und ein Mann, der dieses Geheimnis in die Welt hinausposaunt hat... Mordechai Vanunu, der den Preis dafür mit 18 Jahren Gefängnis und 11 Jahren Einzelhaft bezahlt hat.

Als der Iran-Israel-Krieg begann, dachte ich an Vanunu, den Mann, der Israels Atomgeheimnisse verriet, und ich überdachte Vanunus Geschichte. Ich beschloss, Ihnen die Geschichte dieses wenig bekannten Mannes zu erzählen, der in der Türkei in Vergessenheit geraten ist. Was tut ein Mann, wenn er zwischen seinem Gewissen und den Interessen seines Staates steht? Wird er zum “Verräter” oder zum “Helden der Menschheit”? Vanunu ist die Verkörperung genau dieser Frage.

Vanunu, ein in Marokko geborener und nach Israel eingewanderter Jude, begann 1976 im Alter von 22 Jahren in Dimona zu arbeiten. Er ist ein intelligenter und geschickter Techniker. Bald erhielt er Zugang zu den geheimsten Teilen der Anlage, den 7 unterirdischen Stockwerken. In diesen unterirdischen Stockwerken wird Plutonium hergestellt. In dieser Anlage, die Israel offiziell als ’für friedliche Zwecke“ bezeichnet, werden in Wirklichkeit Atombomben hergestellt.

Neun Jahre lang ist Vanunu Partner in diesem Geheimnis. Doch als er 1985 erfährt, dass er entlassen wird, muss er eine Entscheidung treffen. Entweder er schweigt und geht... oder er sagt der Welt die Wahrheit.

Eines Nachts gelangt er durch die Unachtsamkeit eines Vorgesetzten in den Besitz der Schlüssel. Er betritt einen gesperrten Bereich der Einrichtung. In seiner Tasche hat er eine kleine Kamera. Und er nimmt 57 Bilder auf. Zentrifugen, Plutoniumabscheider, Geheimlabore... Diese Fotos beweisen, dass Israel nicht nur Atomwaffen besitzt, sondern auch in der Lage ist, eine Wasserstoffbombe herzustellen.

Vanunu verließ Israel mit den Fotos und reiste zunächst nach Australien und dann nach England. Und am 5. Oktober 1986 verkündet die Zeitung The Sunday Times auf der Titelseite, dass Israel zwischen 100 und 200 Atomsprengköpfe besitzt. Die Welt ist schockiert. Israel ist wütend.

Aber nicht nur die Weltgemeinschaft liest die Nachrichten. Auch der Mossad liest sie.

Vanunu, der sich in London versteckt hält, trifft eines Tages eine schöne junge Frau. Ihr Name ist “Cindy”. Sie sagt, sie sei eine amerikanische Touristin. Aber Cindy, die eigentlich Cheryl Hanin heißt, ist eine der talentiertesten Agentinnen des Mossad.

Cindy bittet Vanunu, mit ihr nach Rom zu gehen. “Meine Schwester lebt dort, wir wären dort sehr sicher”, sagt sie. Peter Hounam, ein Reporter der Sunday Times, warnt Vanunu: “Gehen Sie nicht, es könnte eine Falle sein.”

Aber Vanunu wollte nicht hören. Am 30. September 1986 reist er mit Cindy nach Rom. Als sie eine Wohnung betreten, warten Mossad-Agenten hinter der Tür auf ihn. In wenigen Sekunden wird er neutralisiert, unter Drogen gesetzt, in eine Kiste gesteckt und heimlich nach Israel geschmuggelt.

Wochenlang leugnete Israel die Existenz von Vanunu. Doch am 9. November, als er zum Gericht gebracht wurde, geschah ein Wunder. Mit seinen gefesselten Händen schreibt Vanunu etwas in seine Handfläche und drückt es gegen das Fenster des Wagens. Fotografen halten den Moment fest. Auf seiner Handfläche steht folgendes geschrieben: “Vanunu M. wurde am 30. September 1986 in Rom entführt.’

Diese 13 Worte sind ein Schrei an die ganze Welt. Israel kann sie nicht länger leugnen.

Vanunu wird hinter verschlossenen Türen vor Gericht gestellt und wegen Hochverrats zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. 11 Jahre dieser Strafe verbringt er allein in Einzelhaft. Eine 2 Meter mal 3 Meter große Zelle... Ein Kerker ohne Sonnenlicht und menschliche Stimmen.

Die Geschichte von Vanunu spaltet die Welt. In Israel und vielen westlichen Ländern wird er als “Verräter” angesehen. Er hat die tiefsten Geheimnisse eines Landes an seine Feinde verraten. Doch für andere ist er ein Held. Ein mutiger “Whistleblower”, der die dunkle Seite der nuklearen Aufrüstung aufgedeckt hat. Im Jahr 1987 wurde er im Gefängnis mit dem ’Right Livelihood Award“ ausgezeichnet, einer Alternative zum Friedensnobelpreis.

Im Jahr 2004, genau 18 Jahre später, wird Vanunu aus dem Gefängnis entlassen. Er ist jetzt 50 Jahre alt. Seine Jugend hat er in den Zellen verbracht. Aber auch seine Freiheit ist nicht vollständig. Es ist ihm verboten, Israel zu verlassen, er darf nicht mit ausländischen Journalisten sprechen, sein Reisepass wird beschlagnahmt. Jeder seiner Schritte wird überwacht.

Sie fragen ihn in einem Interview: “Bereuen Sie es?”, ist Vanunus Antwort eindeutig: “Was ich getan habe, war kein Verrat. Es war eine Pflicht gegenüber der Menschheit. Die Welt sollte wissen, wie gefährlich Atomwaffen sind. Ich habe den Preis dafür bezahlt, und ich zahle ihn immer noch, aber ich würde es wieder tun.”

Heute lebt Vanunu ein bescheidenes Leben in Jerusalem. Er wird immer noch verfolgt, immer noch eingeschränkt. Aber seine Geschichte erinnert uns daran, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.

Dies ist eine Geschichte von Geheimnissen, Macht, Gewissen und Preis. Kann ein Mann alles für das opfern, von dem er weiß, dass es richtig ist? Sind Staatsgeheimnisse heiliger, oder die Zukunft der Menschheit?

Mordechai Vanunu hat diese Fragen mit seinem eigenen Leben beantwortet. Manche nennen ihn einen Verräter, andere einen Helden. Aber in einem Punkt sind sich alle einig: Er folgte seinem Gewissen auf eigene Gefahr.

Und vielleicht wird die Geschichte ihm Recht geben. Denn in einer Welt, in der wir im Schatten von Atomwaffen leben, sind Transparenz und Rechenschaftspflicht für unsere gemeinsame Zukunft unerlässlich.

Diese 13 Worte, die Vanunu auf seine Handfläche schrieb, waren nicht nur ein Schrei der Entführung, sondern auch ein Schrei des Gewissens. Und dieser Schrei hallt immer noch nach.

Mordechai Vanunu lebt heute noch in Israel unter eingeschränkten Bedingungen. Seine Geschichte bleibt ein Symbol für die Gegner der Weiterverbreitung von Kernwaffen. Aber glauben Sie, dass er ein Verräter oder ein Held war, der für die Zukunft der Menschheit Risiken einging?

Can Firat Acisu

DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN