HALKWEBAutorenZwei Worte, die das Universum bewegen: Liebe und Kommune

Zwei Worte, die das Universum bewegen: Liebe und Kommune

Der Mensch ist nicht allein ein vollständiges Wesen, sondern eine Möglichkeit, die gemeinsam möglich ist.

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Auf den ersten Blick mag die Verbindung zwischen Liebe und Kommune wie ein romantischer Zufall erscheinen; beide sind jedoch die radikalste menschliche Antwort auf die Einsamkeit. Die Liebe löst die Grenzen des “Ich” auf und macht das “Wir” möglich; die Kommune stellt dieses “Wir” nicht nur auf eine emotionale, sondern auch auf eine materielle und politische Grundlage. Das eine ist eine Revolution des Herzens, das andere der Organisation des Lebens. Die Essenz beider ist der Mut zum Teilen gegen die Idee des Eigentums.

Die Liebe ist das größte Paradoxon der modernen Welt. In einem Zeitalter, in dem der Individualismus gesegnet ist, sehnen sich die Menschen immer noch danach, sich in einem anderen zu verlieren. Denn die Liebe setzt die Logik des Eigentums außer Kraft. In einer wahren Liebe wird der Geliebte als freies Subjekt und nicht als Objekt anerkannt. Man will ihn/sie nicht kontrollieren, sondern mit ihm/ihr zusammenleben. Aus diesem Grund widerspricht die Liebe der berechnenden Natur des kapitalistischen Geistes.

Die Sprache der Liebe spricht nicht in Begriffen wie Gewinn und Verlust, sondern in Begriffen wie Opfer, Mitgefühl und Unentgeltlichkeit. In dieser Hinsicht ist die Liebe eine kleine Kommune, die in das tägliche Leben eingedrungen ist.

Die Idee der Kommune verwischt in ähnlicher Weise die harte Grenze zwischen “mein” und “dein”. Sie verteidigt die Möglichkeit des gemeinsamen Lebens gegen die Unantastbarkeit des Privateigentums. Die Kommune ist nicht nur ein wirtschaftliches Arrangement, sondern ein ontologischer Anspruch: Der Mensch ist nur mit anderen ein Mensch. Das isolierte Individuum ist eine Fiktion; was wirklich ist, ist die gegenseitige Abhängigkeit. Während die Liebe zwischen zwei Menschen erlebt wird, versucht die Kommune, diese Erfahrung auf sozialer Ebene zu verallgemeinern.

Doch hier stellt sich eine kritische Frage: Während die Liebe ein privates Band ist, ist die Kommune ein soziales Projekt. Das eine erfordert intensive Intimität, das andere verlangt Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit. Stehen diese beiden Bereiche im Widerspruch zueinander? Der Punkt, an dem sie kollidieren, ist die Art und Weise, in der die Liebe eingegrenzt wird. Wenn Liebe nur die Nähe zwischen zwei Menschen ist, ein Kokon der Intimität, der die Welt ausschließt, dann ist sie nicht politisch. Wenn wir aber Liebe so verstehen, dass wir uns um die Existenz des anderen genauso kümmern wie um unsere eigene, dann kann dieses Prinzip erweitert werden. Warum sollte ein Bewusstsein, das dem Schmerz des Geliebten gegenüber nicht gleichgültig ist, dem Schmerz des Fremden gegenüber gleichgültig sein? Die Liebe hat das Potenzial für eine moralische Erweiterung.

Politisch fordert die Kommune die gleiche Erweiterung: Die Institutionalisierung der Empathie. Die Existenz eines hungernden Menschen nicht als persönliches Problem zu sehen, sondern als gemeinsames Anliegen. Hier treffen die intuitive Ethik der Liebe und die organisierte Ethik der Kommune aufeinander. Die Liebe lehrt uns, dass das Leben eines anderen genauso wertvoll ist wie unser eigenes; die Kommune versucht, diesen Wert in den Mittelpunkt der sozialen Ordnung zu stellen.

Doch sowohl die Liebe als auch die Gemeinschaft sind gefährlich. Die Liebe kann sich zur Herrschaft entwickeln, wenn sie in Besitzdenken umschlägt; die Kommune kann sich zum Totalitarismus entwickeln, wenn sie die Freiheit unterdrückt. Die Rettung beider hängt daher von ihrer Treue zur Freiheit ab. Wahre Liebe verteidigt die Freiheit des Geliebten. Wahre Gemeinschaft schützt die Vielfalt des Individuums. Beide verlieren ihr Wesen, wenn sie mit Gewalt durchgesetzt werden.

Das Erstaunlichste ist vielleicht dies: Im Laufe der Menschheitsgeschichte wurden die größten Revolutionen und die tiefsinnigsten Gedichte von derselben Quelle gespeist - dem Wunsch, mit einem anderen Menschen zu teilen. Die Liebe flüstert, dass die Welt zwischen zwei Menschen wieder aufgebaut werden kann. Die Kommune trägt dieses Geflüster auf die Plätze. Das eine beginnt im Herzen, das andere setzt sich auf der Straße fort. Und beide erinnern uns daran: Der Mensch ist nicht allein ein vollendetes Wesen, sondern eine Möglichkeit, die gemeinsam möglich ist.

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