HALKWEBTagesordnungJ'accuse oder “Gute Besserung”

J'accuse oder “Gute Besserung”

Die Menschen fragen nicht mehr: “Gibt es Gerechtigkeit?”. Die Frage hat sich auf eine eher praktische Frage verlagert: “Wer profitiert von diesem Urteil?”

Manchmal erzählt die Geschichte nicht nur die Vergangenheit, sondern zeigt auch, wie die Gegenwart konstruiert ist. Die Dreyfus-Affäre ist genau eine solche Schwelle. Der Prozess, der mit der ungerechten Verurteilung eines Offiziers begann, entwickelte sich bald zu einer großen Regimekrise, die das Verhältnis des Staates zur Wahrheit in Frage stellte.
Alfred Dreyfus war unschuldig. Aber das hinderte ihn nicht daran, bestraft zu werden. Denn es geht nicht um das Verbrechen, sondern darum, wie der Staat seine Autorität schützt. Die Armee, die Justiz und die Bürokratie handelten mit demselben Reflex: Der Fehler wurde nicht erkannt, die Wahrheit wurde unterdrückt.
Zu diesem Zeitpunkt trat Emile Zola auf den Plan.
“Er sagte: ”J'accuse!".
Ich meine: “Ich gebe dir die Schuld.”
Dieser Ausstieg war kein journalistischer Reflex, sondern eine politische Intervention. Und das Wichtigste: Er schuf eine Zäsur. Denn im Frankreich von damals war noch etwas möglich:
Die Wahrheit gegen den Staat verteidigen.
Wenn wir uns die politisch-rechtlichen Prozesse ansehen, die heute in der Türkei stattfinden, sehen wir, dass dieses historische Beispiel auf beunruhigende Weise aktualisiert wird.
Es geht nicht mehr um Einzelfälle.
Die Frage ist, wie die Fälle funktionieren.
Ein Prozess beginnt.
Zunächst wird die öffentliche Meinung vorbereitet.
Dann nimmt die Mediensprache Gestalt an.
Dann schaltet sich die Justiz ein.
Und die endgültige Entscheidung ist oft keine Überraschung.
Denn die Entscheidung war bereits von Anfang an klar.
Es ist notwendig, hier innezuhalten und die folgende Frage zu stellen:
Ist das wirklich ein Rechtssystem?,
oder ist es ein als Gesetz getarnter Entscheidungsmechanismus?
Historisch gesehen ist dies keine neue Situation.
Die Dreyfus-Affäre war eine Zäsur, aber sie war auch ein Anfang.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts lernten die Staaten nicht aus solchen Krisen zu lernen und sich zu beschränken, sondern lernten, sie zu bewältigen. Begriffe wie “Staatssicherheit”, “öffentliche Ordnung” und “nationales Interesse” wurden zu legitimen Rechtfertigungen für Rechtsbeugung.
Im 21. Jahrhundert ist dieser Prozess noch ausgefeilter geworden.
Es gibt keine offenen Fehler mehr, es gibt ein Verfahren.
Es ist keine Willkür, sondern es gibt technische Gründe.
Das Ergebnis ist jedoch das gleiche:
Die Entscheidung wird zuerst getroffen, das Gesetz wird später geschrieben.
Ich glaube, sie wird immer noch nicht anerkannt:
Das Problem ist nicht nur die Unabhängigkeit der Justiz.
Das Problem ist, dass die Politisierung des Rechts nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel ist.
Noch auffälliger ist dies:
In früheren Zeiten erschütterte ein Skandal die Gesellschaft.
Heute wird der Skandal ein paar Tage lang diskutiert und dann vergessen.
Denn etwas, das ständig wiederholt wird, ist nicht mehr skandalös.
Es wird zur Routine.
In Dreyfus' Frankreich war die Gesellschaft gespalten:
Diejenigen, die Gerechtigkeit fordern und den Staat in den Vordergrund stellen.
Heute wird diese Unterscheidung immer unschärfer.
Denn die Diskussion selbst wird immer schwächer.
Die Menschen fragen nicht mehr: “Gibt es Gerechtigkeit?”.
Es wurde eine eher praktische Frage gestellt:
“Wer profitiert von dieser Entscheidung?”
Wo dieses Problem normalisiert wird, hat das Recht bereits seine Bedeutung verloren.
Nach dem Ende der Dreyfus-Affäre gab Frankreich nach.
Denn in dieser Gesellschaft könnte Scham erzeugt werden.
Und Scham ist der Beginn eines politischen Wandels.
In unserem Fall liegt das Problem genau an diesem Punkt.
Und das auf einem Boden, auf dem man sich nicht einmal darauf einigen kann, was falsch ist,
“Wie soll eine Stimme erhoben werden, die ”J'accuse!" sagt?
Vielleicht ist das der Grund, warum niemand mehr diesen Satz sagt.
Stattdessen wird ein kürzerer, vertrauterer Ausdruck verwendet:
“Gute Besserung.”
Aber für wen?
Das Problem beginnt genau hier.
DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN