Davos ist nicht nur ein Wirtschaftsforum, sondern auch eine Bühne, auf der das globale System zu sich selbst spricht und manchmal unbewusst Bekenntnisse abgibt. Seit Jahren fungiert das Weltwirtschaftsforum als Zentrum der Legitimationsproduktion der neoliberalen Globalisierung. Während in den offiziellen Erklärungen eine Sprache der versöhnlichen Diplomatie vorherrschte, wurden hinter den Kulissen die realen Machtverhältnisse diskutiert. Deshalb ist jeder Satz, der in Davos gesagt wird, ein Vorbote nicht nur der Gegenwart, sondern auch der kommenden politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen.
Der Gipfel 2026 stellt in dieser Hinsicht einen historischen Wendepunkt dar. Zum ersten Mal, “regelbasierte internationale Ordnung”Das Ende der Weltwirtschaftskrise wurde von den Vertretern der Länder, die im Zentrum des Systems stehen, offen eingeräumt. Die Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney ist kein vorübergehender diplomatischer Ausweg, sondern eine strukturelle Diagnose der derzeitigen Funktionsweise der globalen kapitalistischen Ordnung. Sie ist die Erklärung einer Ära, in der Recht, Multilateralismus und universelle Normen zurückgezogen und durch direkte Machtbeziehungen ersetzt werden.
An diesem Punkt sollten wir nicht mehr von einem Krisenmoment sprechen, sondern von einer neuen Weltordnung, in der die Deregulierung normalisiert ist.
Der Verfall der Regeln und die Nacktheit der Macht
Die internationale Ordnung nach dem Kalten Krieg beruhte theoretisch auf der Annahme, dass die Regeln gleichmäßig angewandt würden. Diese Annahme war jedoch weitgehend ein ideologischer Rahmen, der die Interessen der hegemonialen Zentren legitimierte. Heute ist dieser Rahmen zusammengebrochen. Anstatt das Recht indirekt durchzusetzen, versuchen die Großmächte, durch Sanktionen, Schulden, Energie, Finanzen und Sicherheitsinstrumente direkte Ergebnisse zu erzielen.
Es ist nicht nur das Recht, das verschwunden ist, sondern auch der Anspruch, dass das Recht universell ist. Die internationalen Beziehungen sind nicht durch Normen, sondern durch Machtasymmetrien gekennzeichnet. Abkommen sind keine Kompromisstexte mehr, sie sind zu technischen Dokumenten der Durchsetzung geworden. Die Diplomatie ist nicht mehr die Kunst des gegenseitigen Vorteils, sondern hat sich auf die Verwaltung von Akzeptanzzwängen reduziert.
Dieser Wandel ist in den aktuellen Hot Files deutlich zu erkennen.
Heiße Eisen der ungeregelten Ordnung: Was steht in Davos und was nicht?
Iran: Von der Verhandlung zum Risikomanagement
Die Iran-Frage zeigt deutlich den neuen Zeitgeistreflex von Davos. Ab 2026 wird der Iran, der in den vergangenen Jahren im Rahmen des Atomdeals und der diplomatischen Lösung behandelt wurde, nicht mehr als Verhandlungsgegenstand kodiert, sondern als Risikofaktor, den es im Hinblick auf die Energiemärkte, die Sicherheit am Golf und das regionale militärische Gleichgewicht zu managen gilt. Recht und Diplomatie sind in den Hintergrund getreten; Abschreckung, Sanktionen und Kostenkalkulationen sind in den Vordergrund gerückt.
Dieser Ansatz ist typisch für die neue Ära, in der das Gleichgewicht der Kräfte und nicht das Völkerrecht entscheidend ist.
Venezuela Von der Souveränität zum Ressourcenraum
In Davos wird Venezuela fast ausschließlich unter dem Aspekt der Energieversorgungssicherheit und der Ölreserven diskutiert. Politische Krise, Demokratie oder soziale Zerstörung sind von untergeordneter Bedeutung. Die Hauptfrage ist, welcher Block zu welchen Bedingungen Zugang zu den natürlichen Ressourcen haben wird. Dies zeigt, dass Souveränität kein absolutes Recht mehr ist, sondern ein funktionales Konzept, das anerkannt wird, solange es den globalen Kreislauf nicht behindert.
Syrien: Eingefrorener Konflikt, permanente Zersplitterung
Syrien ist das Dossier, bei dem Davos absichtlich auf eine Lösung verzichtet hat. Weder die politische Integrität, noch der Wiederaufbau, noch die Souveränität werden ernsthaft diskutiert. Syrien ist nicht mehr “ein zu lösendes Problem” sondern als einen Zustand der Zersplitterung, den es zu bewältigen gilt. Dieser Ansatz betont eher die Bequemlichkeit des Krisenmanagements als die Krisenlösungsfähigkeit des internationalen Systems.
Palästina Wo das Gesetz zum Schweigen gebracht wird
Die palästinensische Frage ist das deutlichste Beispiel für eine Ordnung ohne Regeln. Die Zerstörung, die zivilen Opfer und die eklatanten Verstöße in Gaza fallen nicht unter das universelle Recht; “regionale Stabilität” und “Gleichgewicht” Diskurs. Dies ist der Punkt, an dem das Recht völlig außer Kraft gesetzt ist. In Palästina geht es nicht mehr um Rechte, sondern um ein Dossier, das zwischen den Machtblöcken abgeglichen werden muss.
Grönland: Neue Definition von Souveränität
Die Grönland-Debatte zeigt, wie Souveränität neu definiert wurde. Neue Seewege, seltene Mineralien und Energieressourcen, die durch die Klimakrise erschlossen wurden, haben die Souveränität in ein Konzept verwandelt, das ohne militärische Besetzung ausgehöhlt werden kann. Die Sprache des wirtschaftlichen Drucks, der Sanktionen und der strategischen Investitionen tritt an die Stelle des klassischen Souveränitätsverständnisses. Selbst die Klima-Agenda von Davos ist jetzt Teil des geostrategischen Wettbewerbs.
Am Tisch sitzen oder auf der Speisekarte stehen?
In diesem Zusammenhang ist die oft wiederholte Aussage in Davos “Wenn du nicht am Tisch sitzt, stehst du auf der Speisekarte” ist keine Metapher, sondern eine prägnante Beschreibung der heutigen Machtordnung. Mit am Tisch zu sitzen bedeutet, über Produktionskapazitäten zu verfügen, das kreditnehmende Regime nicht für politische Erpressung anfällig zu machen und die Abhängigkeit vom Ausland in kritischen Sektoren zu begrenzen.
Die Länder, die nicht am Verhandlungstisch sitzen, sind nicht Gegenstand der Verhandlungen, sondern sie sind das Objekt der Verhandlungen. Ihre Schulden werden diskutiert, ihre Ressourcen berechnet, ihre Arbeitskosten gesenkt, ihre politische Stabilität “Marktvertrauen” in seinem Namen geprüft wird.
Die Frage ist also klar:
Vertreter eines Landes mögen nach Davos eingeladen werden, aber sitzt das Land selbst wirklich mit am Tisch?
Die Türkei und Davos: Das Spannungsverhältnis zwischen Diskurs und Struktur
Für die Türkei ist Davos ein Spiegel, in dem ihre tatsächliche Position innerhalb des globalen Systems sichtbar wird. Seit Jahren ist die Türkei in Davos mit einer harten und trotzigen Rhetorik vertreten, während ihre Wirtschaftspolitik, ihre Kreditaufnahme und ihre Investitionspräferenzen sich innerhalb der von den globalen Machtzentren gesetzten Grenzen bewegen.
Diese Doppelstruktur - in der Rhetorik ein Subjekt und in der Praxis ein entgegenkommender Akteur - führt zu einer Situation, in der die Türkei zwar am Verhandlungstisch präsent zu sein scheint, aber von den wichtigsten Parametern der Verhandlungen ausgeschlossen ist. Diese Situation kann nicht auf einzelne Personen oder periodische Präferenzen reduziert werden; sie ist das notwendige Ergebnis eines Wirtschaftsmodells, das von der Produktion abgekoppelt und von der Finanzierung abhängig ist.
Wirkliche Macht erkennt man nicht am Beifall auf der Tribüne, sondern an den Abhängigkeiten, Schuldenlasten und sozialen Kosten, die man auf den Tisch bringt.
Äußere Herrschaft kann nicht ohne innere Unterwerfung errichtet werden
Das Grundprinzip der politischen Ökonomie ist klar: Der Druck von außen kann nur dann dauerhaft sein, wenn es im eigenen Land einen günstigen Boden gibt. Wenn die Produktion zusammengebrochen ist, die Arbeit entwertet wird und die öffentlichen Mittel nach den Forderungen des globalen Kapitals und nicht nach dem sozialen Wohl verteilt werden, kann kein Land stark am Tisch sitzen. Selbst wenn es dies tut, wird es nicht in seinem eigenen Namen sprechen, sondern im Namen der anderen.
Es geht also nicht nur um die Außenpolitik. Es geht um den wirtschaftlichen und klassenmäßigen Charakter des Regimes.
Was zu tun ist - Mindestbedingungen für die Unabhängigkeit in einer unregulierten Welt
Unabhängigkeit ist in diesem Stadium kein Gefühl, sondern eine Frage des materiellen und institutionellen Aufbaus. Eine Wirtschaft ohne Produktionskapazitäten, mit geschwächter öffentlicher Macht und auf der Grundlage billigerer Arbeit kann an keinem Tisch ein Thema sein.
Die politische Unabhängigkeit kann erst dann aufrechterhalten werden, wenn der öffentliche Sektor wieder zu einem strategischen Akteur wird, wenn die Arbeit auf der Grundlage der sozialen Wohlfahrt organisiert wird und wenn die Außenpolitik nicht länger ein Mittel ist, um die Legitimitätskrise im Inland zu überdecken.
Schlussfolgerung
Der Gipfel von Davos 2026 hat eine klare Wahrheit ausgesprochen: Die Welt funktioniert nicht mehr in der Sprache des Rechts, sondern der Macht. Alle Dossiers, von Iran bis Palästina, von Syrien bis Grönland, sind verschiedene Gesichter dieser neuen Ordnung.
In dieser Reihenfolge bauen die Länder entweder ihre eigene materielle, politische und soziale Macht auf oder passen sich den Plänen anderer an.
Es gibt keinen dritten Weg.
Für die Türkei stellt sich nicht die Frage, was in Davos gesagt wurde, sondern warum sie sich in dieser Position befindet. Die Antwort auf diese Frage liegt nicht in den globalen Hallen, sondern in der Produktionsstruktur, dem Arbeitssystem, den öffentlichen Präferenzen und dem politischen Mut des Landes.
In einer Welt aufzuwachen, in der es keine Regeln mehr gibt, ist keine Wahl, sondern eine Notwendigkeit.
Sonst müssen wir jedes Mal, wenn wir an den Tisch gebeten werden, noch einmal auf die Speisekarte schauen.
