HALKWEBAutorenRojava, Russland und der staatliche Geist

Rojava, Russland und der staatliche Geist

Die Erfahrung von Rojava: Geopolitische Konsequenzen strategischer Entscheidungen

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Diese Studie analysiert die Beziehungen zwischen der kurdischen politisch-militärischen Bewegung in Rojava und der Russischen Föderation im Kontext des syrischen Bürgerkriegs. In der Studie wird argumentiert, dass die fraglichen Beziehungen nicht anhand von normativen Begriffen wie “Verrat” oder “Aufgabe” bewertet werden sollten, sondern anhand von staatlicher Weisheit, strategischen Prioritäten und langfristiger politischer Rationalität. Die Hauptthese des Artikels ist, dass Russland die Kurden als Teil der syrischen Staatsintegrität betrachtet, während die kurdische Bewegung eine staatszentrierte Integration ablehnt und eine taktische Linie verfolgt, die auf Machtakkumulation beruht. Das Ergebnis dieser Bevorzugung ist eher eine geopolitische Isolation als ein militärischer Gewinn. 

Der syrische Bürgerkrieg hat nicht nur die militärischen Gleichgewichte offengelegt, sondern auch das Wesen der Beziehungen zwischen Staaten, Völkern und Großmächten. Die Beziehung zwischen der kurdischen politisch-militärischen Bewegung in Rojava und Russland wurde oft in einer emotionalen und normativen Sprache behandelt, was die analytische Klarheit beeinträchtigt hat.

Diese Beziehung wird jedoch verständlicher, wenn sie im Rahmen der Kontinuität des Staates, des Interessenkonflikts und der strategischen Lesart und nicht im Rahmen moralischer Urteile bewertet wird.

Ziel dieses Artikels ist es, die Beziehungen zwischen Russland und Rojava auf einer analytischen Grundlage zu analysieren und die Präferenzen der kurdischen Bewegung, das Vorgehen Russlands und das mit dem Assad-Regime geschaffene Gleichgewicht systematisch nach dem Prinzip ANALYSE-THESE-ZUSAMMENFASSUNG zu untersuchen.

Russlands Syrien-Politik: Staatskontinuität und Regimestabilität

Für die Russische Föderation ist Syrien eher eine Frage der staatlichen Kontinuität und des regionalen Gleichgewichts als eine vorübergehende Einflusssphäre. Moskaus Hauptziel ist das Überleben des Assad-Regimes und die Verhinderung des Zerfalls Syriens.

In diesem Zusammenhang betrachtete Russland alle Akteure vor Ort - einschließlich der Kurden - als Teil der Integrität des syrischen Staates.

Russlands Ansatz gegenüber den Kurden beruht auf den folgenden Grundsätzen:
1) Die Kurden sind keine Feinde, sondern ein struktureller Bestandteil der syrischen Gesellschaft.
(2) Über Autonomie kann diskutiert werden, ohne jedoch die Beziehungen zum Zentralstaat zu kappen.
(3) Die Legitimierung dauerhafter, nichtstaatlicher bewaffneter Strukturen ist inakzeptabel.

Dieser Ansatz ist nicht ideologisch, sondern staatszentriert und pragmatisch. Das Prinzip des “Überlebens des Staates”, die Grundannahme der realistischen Theorie der internationalen Beziehungen, ist in der Syrien-Politik Moskaus deutlich zu erkennen.

Die Art der Beziehungen zwischen dem Assad-Regime und den Kurden

Entgegen der landläufigen Darstellung hat das Assad-Regime die Kurden nie als existenziellen Feind betrachtet. In der Zeit nach 2011 ist der Rückzug des Regimes aus den kurdischen Gebieten das Ergebnis einer Neuausrichtung der militärischen und politischen Prioritäten und nicht einer ethnischen oder politischen Säuberung.

Dieser Rückzug hat der kurdischen politisch-militärischen Bewegung einen wichtigen Handlungsspielraum eröffnet. Wie dieser Spielraum genutzt wird, wird jedoch die strategische Richtung des Prozesses bestimmen.

Der historische Hintergrund der distanzierten Haltung der kurdischen Bewegung gegenüber der Zentralregierung darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden. Die in der Vergangenheit in Syrien aufgetretenen Probleme in Bezug auf Identität, Staatsbürgerschaft und Repräsentation haben zu einem ernsthaften Misstrauen gegenüber einer vollständigen Integration in die Zentralregierung geführt. Dieses Misstrauen sollte als ein entscheidender psychologischer und politischer Faktor bei der Gestaltung der strategischen Präferenzen betrachtet werden.

Strategische Ausrichtung der kurdischen politisch-militärischen Bewegung

Die kurdische Bewegung hat das sich abzeichnende Machtvakuum unter der folgenden Prämisse gelesen: Erstens, militärische und faktische Macht vor Ort zu akkumulieren, und dann diese Macht als Instrument für politische Verhandlungen zu nutzen.

Dieser Ansatz führte kurzfristig zu territorialer Dominanz und militärischen Gewinnen, langfristig jedoch zu einer Linie, die zu Spannungen mit dem Staatsdenken führte.

Die Aussicht auf eine Integration mit Damaskus wurde von der kurdischen Bewegung oft als Risiko der Abhängigkeit gesehen; anstatt die Macht mit dem Zentrum zu teilen, hat sie es vorgezogen, Macht als Druckmittel gegen das Zentrum zu akkumulieren.

US-Faktor und strategische Pause

Diese Ausrichtung brachte die kurdische Bewegung schrittweise in eine engere und institutionalisierte Beziehung zu den USA. Das Bündnis mit den USA hat zwar auf militärischer Ebene zu gewissen Erfolgen geführt, aber nicht zu staatlichen Garantien.

Wie im Irak sind die USA als Schutzmacht vor Ort aufgetreten, haben aber keine dauerhafte politische Verantwortung übernommen.

Für Russland hat diese Bevorzugung eine klare Bedeutung: Die kurdische Bewegung hat sich für die Linie Washingtons statt für die Linie Damaskus-Moskau entschieden. Für die Großmächte verengen solche Präferenzen die Grauzonen und bewirken eine strategische Distanzierung.

Die Ablehnung der staatszentrierten Lösung und ihre Folgen

Die Hauptthese dieses Artikels lautet wie folgt:
Die Spannungen in Rojava sind das Ergebnis der Ablehnung einer staatszentrierten Lösung durch die kurdische politisch-militärische Bewegung und ihrer Vorliebe für eine taktische Politik, die auf der Anhäufung von Macht beruht, und nicht auf dem Ausschluss der Kurden durch Russland.

Unter Bedingungen, in denen ein Staat vom Zerfall bedroht ist, haben Allianzen nichtstaatlicher Akteure mit externen Mächten Schwierigkeiten, langfristige Legitimität zu schaffen. Solche Entscheidungen mögen zwar kurzfristig militärische Vorteile bringen, riskieren aber langfristig die politische Isolation.

Die Erfahrungen in Rojava sind ein konkretes Beispiel für das Spannungsverhältnis zwischen legitimen Forderungen und strategischen Präferenzen. Die historischen Beschwerden und legitimen Forderungen des kurdischen Volkes beseitigen nicht automatisch die geopolitischen Folgen der verfolgten Politik.

Das sich daraus ergebende Bild lässt sich wie folgt zusammenfassen:
1) Russland verfolgte eine konsequente Linie im Einklang mit seinen staatlichen Interessen.
2) Das Assad-Regime wollte die Kurden im Staatsgefüge halten, anstatt sie zu liquidieren.
Die kurdische politisch-militärische Bewegung hingegen hat zeitlich begrenzte Bündnisse auf der Grundlage von Macht gegenüber einer langfristigen staatlichen Politik bevorzugt.

Das Ergebnis dieser Entscheidungen hat einen Preis verursacht, der schwerer wiegt als die militärischen Vorteile: geopolitische Isolation.

Das Beispiel Rojava ist ein wichtiges politisches Labor, das die Grenzen der strategischen Positionierung nichtstaatlicher Akteure in einer Geografie aufzeigt, in der sich der Wettbewerb der Großmächte verschärft.

Die Fähigkeit, dauerhafte Legitimität im internationalen System zu schaffen, wird immer noch weitgehend durch staatliche Strukturen bestimmt. Daher ist das Gleichgewicht zwischen taktischer Machtakkumulation und langfristiger politischer Institutionalisierung entscheidend.

Diese Studie wurde nicht geschrieben, um Polemik zu erzeugen, sondern um einen politischen Prozess auf analytischer Ebene zu erfassen. Die Erfahrungen in Rojava werden auch in Zukunft aktuell sein, wenn es darum geht, das Spannungsverhältnis zwischen Staatsdenken und Bewegungspolitik zu verstehen.

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