HALKWEBAutorenPopulismus: Kein Hilfspaket, sondern eine Staatsräson der Gründerzeit

Populismus: Kein Hilfspaket, sondern eine Staatsräson der Gründerzeit

Was wir heute brauchen, ist nicht eine neue Ordnung der Hilfeleistung, sondern die Neuausrichtung des staatlichen Denkens nach dem Gründungsprinzip.

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Eine Politik, die Wissenschaft, Vernunft und soziale Verantwortung ausschließt, überschattet die staatliche Weisheit. Was die Türkei braucht, ist nicht die Oberflächlichkeit, die Populismus für ein soziales Hilfsmittel hält, sondern einen Gründungswillen, der die öffentliche Vernunft und die strukturelle Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt, geleitet von Solidarität.

Krise der Vernunft und des Prinzips

Die Türkei befindet sich seit langem in einer Krise der Vernunft und der Prinzipien und nicht in einer Krise der Regierungsführung. Die Debatten basieren nicht auf Prinzipien, sondern auf Loyalitäten; die Agenda spaltet die Gesellschaft, anstatt sie zu vereinen. Das Problem ist jedoch nicht die Existenz des Staates, sondern die Qualität der öffentlichen Vernunft, die ihn leitet.

Das Bild, das sich heute ergibt, zeigt, dass ein hybrider Liberalismus, der einen kontrollierten Marktdiskurs mit konservativer Rhetorik verbindet, an seine Grenzen gestoßen ist. Der Bereich der öffentlichen Verantwortung des Staates hat sich verengt, und die Politik hat eine Erosion ihrer Fähigkeit zur Herstellung des sozialen Ausgleichs erfahren. Die Sozialpolitik hat sich von einer auf Rechten basierenden institutionellen Struktur entfernt und ist in den Rahmen periodischer Praktiken gezwängt worden.

Jenseits der Solidarität: Ein solidarisches öffentliches Verständnis

Solidarismus ist keine oberflächliche Praxis der Solidarität. Echte Solidarität ist ein Verständnis des Gesellschaftsvertrags, in dem die Bürgerinnen und Bürger mit Verantwortungsbewusstsein füreinander und für den Staat handeln.

Populismus gewinnt nur in diesem solidarischen Rahmen an Bedeutung. Denn der Populismus stellt mit seinem klassenneutralen, egalitären Ansatz einen öffentlichen Ausgleich gegen die unbegrenzten Machtverhältnisse des Marktes dar. Die soziale Wohlfahrt wird nicht durch Wohltätigkeit, sondern durch das Prinzip der strukturellen Gerechtigkeit gesichert.
Das Schweigen, das heute in der Gesellschaft zu beobachten ist, ist eher ein Zeichen für eine tiefe Müdigkeit und eine Suche nach Orientierung als für eine starke Zustimmung. Was diesen Bruch beheben wird, ist ein konstitutiver politischer Wille, der sich auf das öffentliche Interesse stützt.

Ein neues Gleichgewicht: Die öffentliche Verantwortung des Kapitals

Der Populismus schlägt keinen Ansatz vor, der das Wirtschaftsleben ausschließt. Dieser Grundsatz, der als türkischer Solidarismus zu verstehen ist, stellt das Kapital auf den Boden der öffentlichen Verantwortung, indem er es aus dem Bereich der unbegrenzten Privilegien herausnimmt.

In einer Ordnung, in der der Einfluss der wirtschaftlichen Macht auf die politische Sphäre zunimmt, wird die regulierende Rolle der öffentlichen Hand entscheidend. Es geht nicht darum, das Kapital auszuschließen, sondern eine Wirtschaftsordnung zu schaffen, die Produktion, Wettbewerb und soziales Gleichgewicht gemeinsam schützt.
Dieser Ansatz gewährleistet die Stärkung der Mittelschicht, die Steigerung der Produktionskapazität und die soziale Stabilität.

Eine spürbare Wiederherstellung: Wirtschaft, Gesundheit und Bildung

Ein konstitutiver populistischer Wille zeigt seine Wirkung durch konkrete institutionelle Regelungen.

Wirtschaftliche Absicherung:
Das Renten- und Sozialversicherungssystem sollte eine transparente und berechenbare Struktur haben, die den Anteil am Wachstum gerecht verteilt. Die Renten sollten als eine ehrenvolle Belohnung für ein langes Arbeitsleben angesehen werden.

Präventivmodell im Gesundheitswesen:
Die primären Gesundheitsdienste sollten in eine Struktur umgewandelt werden, die nicht nur der Behandlung dient, sondern auch die öffentliche Gesundheit schützt und stärkt.

Chancengleichheit im Bildungswesen:
Der Staat sollte in allen Regionen für eine qualitativ hochwertige Bildung sorgen und die wissenschaftliche Produktion und das intellektuelle Leben durch eine leistungsorientierte Lehrerpolitik unterstützen.

Tägliches Foto des strukturellen Problems

Diese Verengung, die auf theoretischer Ebene erörtert wird, nimmt im täglichen Leben konkrete Gestalt an.
Heute spiegeln die “Kent Lokantası” und “Semt Lokantası”, die auf gegenüberliegenden Straßenseiten stehen, das politische Bild der damaligen Zeit wider. Die Farbe der Schilder ist anders, aber die Schlange vor ihnen ist dieselbe.

Dieses Bild, und nicht das Vorhandensein sozialer Unterstützungen, zeigt, dass das derzeitige Einkommenssystem großen Teilen der Gesellschaft nicht genügend Wohlfahrt bietet. Wenn sich Erwerbstätige, Rentner und junge Menschen an einem erschwinglichen Tisch treffen, sollte nicht die Existenz von Restaurants in Frage gestellt werden, sondern die wirtschaftlichen Bedingungen, die diese Notwendigkeit schaffen.

Populismus lässt sich nicht auf die Bereitstellung erschwinglicher Dienstleistungen reduzieren. Soziale Unterstützung ist notwendig und wertvoll, aber die dauerhafte Lösung liegt in der Schaffung eines Systems, in dem die Bürger nicht ständig Unterstützung benötigen.

Ein wahrer populistischer Staat begnügt sich nicht damit, die Warteschlangen von Menschen in Not zu verwalten, sondern schafft dauerhafte Lösungen, die die wirtschaftlichen und sozialen Gründe für diese Warteschlangen beseitigen. Statt einer Struktur, die die Bürgerinnen und Bürger von Hilfe abhängig macht, baut er eine öffentliche Ordnung auf, die sie mit ihren Rechten ausstattet.

Institutionelle Resilienz und soziale Legitimität

Die tatsächliche Macht eines Staates wird an dem Umfeld von Gerechtigkeit und Vertrauen gemessen, das er im eigenen Land schafft. Wenn das soziale Vertrauen geschwächt ist, ist die Dauerhaftigkeit von Erfolgen in anderen Bereichen begrenzt.
In einem System, in dem die Einkommensgerechtigkeit erodiert und das Prinzip der Leistungsgesellschaft umstritten ist, kann die Widerstandsfähigkeit nur durch Strukturreformen erreicht werden.

Der Solidarismus ist ein Modell des institutionellen Gleichgewichts, das wirtschaftliches Gleichgewicht, Rechtssicherheit und sozialen Frieden miteinander verbindet.

Ein starker Staat gewinnt seine Existenz nicht durch seine Rhetorik im Angesicht von Krisen, sondern durch die Ordnung der Gerechtigkeit, die er vor dem Auftreten von Krisen schafft. Soziale Legitimität wird nicht durch vorübergehende Praktiken, sondern durch dauerhafte und egalitäre Institutionen gestärkt.

Loyalität gegenüber dem Gründungsprinzip

Der Populismus von Mustafa Kemal Atatürk ist kein sozialpolitischer Vorschlag zur Bewältigung von Armut. Dieses Prinzip ist ein konstitutives Staatsverständnis, das darauf abzielt, die strukturellen Ungleichheiten, die Armut erzeugen, zu beseitigen.

Heute birgt die Tatsache, dass Populismus zum Synonym für soziale Unterstützungspraktiken geworden ist, die Gefahr, diese konstitutive Bedeutung zu verengen. Jenseits vorübergehender Wohlfahrtsmaßnahmen ist Populismus jedoch der Name einer dauerhaften Gerechtigkeitsordnung, die auf der Würde des Bürgers beruht.

Es geht also nicht um die Ausweitung bestimmter Dienstleistungen, sondern um das Grundprinzip, auf dem das Staatsverständnis beruht.

Wirtschaftliche Stabilität, soziales Vertrauen und institutionelle Widerstandsfähigkeit können nur erreicht werden, wenn das Verhältnis zwischen Markt, Staat und Bürger auf der Grundlage dieses Grundprinzips neu austariert wird.
Populismus ist keine sozialpolitische Vorliebe, sondern das Grundprinzip der Gerechtigkeit der Republik.

Was wir heute brauchen, ist nicht eine neue Ordnung der Hilfeleistung, sondern die Neuausrichtung des staatlichen Denkens nach dem Gründungsprinzip.

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