Wenn das Vertrauen verloren geht, bleiben alle Versprechen der Politik in der Luft hängen. An dem Punkt, an dem wir heute angelangt sind, bewegt sich die Politik eher auf der Suche nach einem sofortigen Ausgleich als auf der Suche nach Prinzipien. Ethik wird oft als rhetorische Zierde benutzt, und Entscheidungen werden eher durch konjunkturelle Reflexe als durch Konsistenz geprägt. Diese Situation untergräbt nicht nur die Glaubwürdigkeit der politischen Akteure, sondern auch der Institutionen.
Der Verlust der Ethik erschöpft das Vertrauen der Gesellschaft vor ihrer Geduld. Wenn die Distanz zwischen dem, was die politischen Akteure sagen, und dem, was sie tun, größer wird, hört die Politik in den Augen der Wähler auf, ein Feld der Repräsentation zu sein, und erzeugt Unsicherheit und Misstrauen. Wenn Begriffe wie Normalisierung, Versöhnung oder Wandel nicht auf einem prinzipiellen Rahmen beruhen, verlieren sie schnell ihre gesellschaftliche Resonanz.
Politische Ethik ist nicht nur eine moralische Forderung, sondern auch ein institutioneller Imperativ. Die Ethik ist ein strategisches Kapital, das die Kontinuität der Politik gewährleistet. Wenn dieses Kapital ausgehöhlt wird, sind zwar kurzfristige Gewinne möglich, aber auf lange Sicht entstehen Richtungslosigkeit und struktureller Verfall. Jeder inkonsequente Schritt schafft einen neuen Bruch in der Bindung an die Gesellschaft.
Ohne Konsistenz kann keine Ethik aufgebaut werden. Ohne Ethik kann Vertrauen nicht reproduziert werden. Die Verantwortung der politischen Akteure besteht nicht nur darin, heute zu regieren, sondern auch darin, das Gefühl des Vertrauens für morgen zu bewahren. Die Rolle der Medien, der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft in diesem Prozess besteht darin, den kritischen Geist wach zu halten und ethische Verstöße sichtbar zu machen.
Es genügt ein Blick in die Vergangenheit, um zu verstehen, wo wir heute stehen. Wenn sie zu lange ignoriert werden, beschädigen Inkonsequenz und ethische Erosion das öffentliche Vertrauen zutiefst. Nur mit einer prinzipienfesten Haltung, Rechenschaftspflicht und politischem Mut kann dieses Vertrauen wiederhergestellt werden. Politische Ethik ist keine Vorliebe, sie ist die Existenzbedingung demokratischer Politik.
Dr. Sevgi Düzgün

