HALKWEBAutorenGlücksspiele wurden nicht privatisiert, die öffentlichen Gewinne wechselten still und leise den Besitzer

Glücksspiele wurden nicht privatisiert, die öffentlichen Gewinne wechselten still und leise den Besitzer

Eine politische und wirtschaftliche Analyse der Privatisierung von Glücksspielen in der Türkei

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In der Türkei war das Glücksspiel früher einer der risikolosesten und einträglichsten Bereiche in den Händen des Staates. Heute ist der Staat in diesem Bereich nur noch ein Steuereintreiber. Der Gewinn liegt nicht in den Händen des Staates. Es handelt sich nicht um eine technische Reform, sondern um eine bewusste Verlagerung des Reichtums.

Die Frage des Glücksspiels in der Türkei ist weder eine moralische Debatte noch eine technische Frage der öffentlichen Verwaltung, wie gemeinhin angenommen wird. Dieses Thema spiegelt unmittelbar eine klassenmäßige, politische und wirtschaftliche Präferenz wider. Die Fragen, wer gewinnt, wer verliert, wer geschützt wird und wer aus dem System verdrängt wird, sind in diesem Bereich offenkundig.

Heute wird die Diskussion über das Glücksspiel bewusst eingegrenzt. Titel wie “Sucht”, “Glücksspielmoral” und “soziale Sensibilität” werden hervorgehoben. Dieser Diskurs wirkt jedoch wie ein Vorhang, der den Blick auf das große Ganze verdeckt. Die eigentliche Frage ist die folgende: Warum hat sich der Staat aus einem der risikolosesten, geldbringendsten und krisenresistentesten Einkommensbereiche zurückgezogen?
Wenn diese Frage nicht gestellt wird, ist jede Diskussion unvollständig. Denn was hier geschieht, ist keine Reform, sondern eine Entscheidung. Es ist eine Entscheidung, die Rolle des Staates im Wirtschaftsleben auf ein Minimum zu reduzieren, öffentliches Einkommen auf privates Kapital zu übertragen und diesen Transfer unsichtbar zu machen.

Jahrelang war das Glücksspiel in der Türkei eines der Instrumente der finanziellen Souveränität des Staates. Die Nationallotterie, Spor Toto-İddaa und Pferderennen waren Bereiche mit nahezu null Produktionskosten, ohne Nachfragerisiko, in der Lage, für Devisenzuflüsse zu sorgen und ein breites soziales Ökosystem zu versorgen. In diesem System sammelte der Staat nicht nur Geld, sondern lenkte es auch, verteilte es um und wandelte es in soziale Leistungen um.

Heute ist der Staat in diesen Bereichen auf die Rolle des reinen Steuereintreibers reduziert worden. Nicht mehr der Staat, sondern das Privatkapital bestimmt die Spielregeln, steuert den Markt, plant das Wachstum und teilt die Gewinne. Das ist keine Privatisierung, das ist der Abbau der öffentlichen Souveränität.

Das von Privatisierungsbefürwortern häufig angeführte Argument “der Staat war ineffizient” entspricht nicht der Realität. Denn das Glücksspiel ist keine industrielle Tätigkeit im klassischen Sinne. Es erfordert keine Hochtechnologie, keine hohe Forschung und Entwicklung und keine hohen Produktionskosten. Die Nachfrage ist bereits vorhanden. Es besteht kein Risiko. Die Behauptung der Ineffizienz in einem solchen Bereich ist nicht technischer, sondern ideologischer Natur.

Die eigentliche Ineffizienz liegt im derzeitigen Modell, bei dem der öffentliche Sektor bewusst ausgeschlossen wird, die Aufsicht geschwächt wird und der illegale Markt wächst. Die Tatsache, dass das Volumen der illegalen Wetten zweistellige Milliardenbeträge erreicht hat, ist kein Zufall, sondern das natürliche Ergebnis des Rückzugs des öffentlichen Sektors. Wo es keinen Staat gibt, wächst die Mafia, nicht der Markt.

Daher ist die Frage des Glücksspiels auch eine Frage des Rechts, der Sicherheit und der Demokratie. Wir sprechen von einer Struktur, in der Schwarzgeld zirkuliert, geschützt durch die Macht der Medien und gepanzert mit politischer Immunität. Diese Struktur untergräbt nicht nur den Haushalt, sondern auch die öffentliche Kontrolle.

Es ist kein Zufall, dass sich der Medienbesitz gleichzeitig mit dem Privatisierungsprozess in bestimmten Gruppen konzentriert. Dies ist die nackteste Form der politischen Ökonomie: Einnahmequellen, Medienmacht und politischer Schutz sind in denselben Händen konzentriert. In dieser Situation ist das Verschweigen von öffentlichem Schaden kein Mangel, sondern ein bewusstes Schweigen.

Diejenigen, die diesen Prozess heute noch mit dem Argument “die Steuereinnahmen sind gestiegen” verteidigen, ignorieren bewusst die folgende Tatsache: Die Steuer ist kein Ersatz für den Gewinn. Die Steuer ist der Mindestanteil an der staatlichen Souveränität. Der Gewinn hingegen ist die Souveränität selbst. Der Staat hat den Gewinn verloren und ist nur noch Aktionär.

Dieses Bild ist nicht haltbar. Weder wirtschaftlich noch gesellschaftlich noch politisch. Denn hier geht nicht nur Geld verloren, sondern auch die Steuerungsfähigkeit der Bürgerinnen und Bürger und die Möglichkeit, gesellschaftlichen Nutzen zu erzeugen.

Die Lösung ist also klar und kann nicht aufgeschoben werden: Das Glücksspiel muss wieder verstaatlicht werden. Dies ist kein ideologischer Slogan, sondern eine finanzielle und politische Notwendigkeit. Verstaatlichung bedeutet, die Gewinne an die Allgemeinheit zurückzugeben, die Kontrolle zu verstärken, den illegalen Markt einzuschränken und den sozialen Nutzen wiederherzustellen.

Andernfalls werden diese Zahlen, die heute noch unausgesprochen sind, morgen als viel größere soziale und politische Kosten erscheinen. Der öffentliche Reichtum, der still und leise den Besitzer wechselt, wird eines Tages lautstark als soziale Krise zurückkehren.

Greifbarer Schaden für die Öffentlichkeit: Stiller Raub in Zahlen

In der Zeit vor der Privatisierung (2010-2017) lag der Nettogewinnanteil des Staates am Spor Toto-Iddaa-System im Durchschnitt bei -50. In der Ausschreibungs- und Lizenzstruktur nach 2017 ist dieses Verhältnis sogar auf %8-12 gesunken. Diese Differenz ist kein Verlust, der durch eine “Steuererhöhung” ausgeglichen werden kann, denn Steuern sind kein Ersatz für Gewinne.

Mit einer konservativen Berechnung:
- Durchschnittliche jährliche Einnahmen (İddaa + Nationallotterie + Pferderennen): 18 Milliarden TL (Preise 2017)
- Anteil des Staates am Nettogewinn vor der Privatisierung: ≈ → 8,1 Mrd. TL
- Effektiver Anteil (Steuern + Lizenzen), der nach der Privatisierung im öffentlichen Sektor verbleibt: ≈ → 2,1 Mrd. TL
➡️ Jährlicher NETTO-ÖFFENTLICHER VERLUST: ca. 6 Milliarden TL (Preise 2017)
Wenn diese Zahl mit der Inflation aktualisiert wird:
➡️ JÄHRLICHER ÖFFENTLICHER VERLUST in realen Werten im Jahr 2025: 35-40 Milliarden TL
➡️ 2018-2025 geschätzter öffentlicher Gesamtschaden: 250-300 Milliarden TL
Es handelt sich nicht um einen Haushaltsposten, sondern um einen stillen Vermögenstransfer.

Illegales Wetten: Wo sich der Staat zurückzieht, gedeiht die Mafia

Nach verschiedenen Berichten der Polizei und der MASAK wird das Volumen der illegalen Wetten in der Türkei bis 2024 45-50 Milliarden Dollar erreichen. Selbst wenn man davon ausgeht, dass nur dieser Summe im steuerpflichtigen öffentlichen Bereich verbleibt:

Jährlich entgangene potenzielle Steuer + öffentlicher Anteil: mindestens 150-200 Milliarden TL

Da sich der Staat aus dem Glücksspiel zurückzieht;
- Die Kontrolle ist geschwächt,
- Der lizenzierte Bereich ist geschrumpft,
- Der illegale Markt ist explodiert.

Dies ist kein Zufall, sondern ein vorhersehbares Ergebnis.

Medien, Lizenzen und politische Immunität

Der Medienkauf der Demirören-Gruppe, der 2018 mit Krediten der Ziraat Bank realisiert wurde, ist eine nackte Form der politischen Ökonomie in der Türkei. Die Tatsache, dass dieselbe Gruppe bald darauf die Rechte für den Betrieb der Nationallotterie erwarb, zu einem Hauptakteur bei den Glücksspiellizenzen wurde und dass die Kritik an diesen Bereichen durch die Medien praktisch verdampft ist, ist kein Markterfolg, sondern eine Machtkonzentration.

Medienbesitz + Glücksspiellizenz + öffentliches Bankdarlehen = politisches Immunitäts-Arsenal

Letztes Wort

Die hier genannten Zahlen sind konservativ. Es wird sich zeigen, dass der öffentliche Verlust bei größeren Datensätzen viel höher ist. Allerdings zeigen auch die verfügbaren Daten deutlich Folgendes:

Diese Privatisierung ist kein Fehler;
Es ist eine Entscheidung.
Und die Gesellschaft zahlt den Preis für diese Bevorzugung.
Dieser Artikel ist eine Warnung.
Und diese Warnung spricht nun in Zahlen.

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