Der Staat hat keine Religion. Der Staat ist verpflichtet, zu allen seinen Bürgern in gleicher Distanz zu stehen. In der Türkei gibt es eine Institution, die für die Durchführung religiöser Dienste zuständig ist: Die Direktion für religiöse Angelegenheiten. Der Haushalt dieser Einrichtung wird aus den vom Staat erhobenen Steuern finanziert. Mit anderen Worten: Nicht nur die Muslime, sondern alle in diesem Land lebenden Bürger tragen zu diesem Haushalt bei.
Doch genau hier beginnt das Problem. Denn wenn es um verschiedene Glaubensgemeinschaften geht, die die gleichen Steuern zahlen und Bürger desselben Landes sind, verschwindet das Interesse des Staates im Nu. Kirchen, Synagogen und andere Gotteshäuser müssen mit den Mitteln ihrer eigenen Gemeinschaften auskommen. Alles, von den Gehältern der Geistlichen bis zur Instandhaltung der Gotteshäuser, wird aus den eigenen Mitteln der Gemeinschaft bestritten.
Aber auch diese Menschen sind Bürger dieses Landes. Sie zahlen ihre Steuern, gründen Unternehmen, stellen Arbeitsplätze zur Verfügung, leisten ihren Militärdienst und tragen den Pass mit demselben Stolz. Alle sind gleich, wenn es um ihre staatsbürgerlichen Pflichten geht.
Aber wenn es um Religion geht, hören wir oft denselben Satz:
“Dies ist ein Land, in dem ,9% Muslime sind.’
Die Staatsbürgerschaft in einem Rechtsstaat ist jedoch keine Frage der Mathematik. Eine Glaubensgemeinschaft kann Millionen oder einer von Tausend sein. Das bedeutet nicht, dass ihre Rechte mehr oder weniger sind. Der Staat ist nicht der Staat der Mehrheit, der Staat ist der Staat aller.
Es geht also nicht darum, gegen irgendeinen Glauben zu sein, sondern im Gegenteil darum, an den Grundsatz der gleichen Staatsbürgerschaft zu erinnern. Wenn die Steuern von allen Bürgern erhoben werden, sollten die vom Staat erbrachten Dienstleistungen auch allen Bürgern zugute kommen.
Hier beginnt der wahre Säkularismus:
Nicht mit der Macht der Mehrheit, sondern mit der Tugend des Schutzes der Rechte der Minderheit.
