HALKWEBLebenEin Leben zwischen zwei Generationen: Die stille Last der Generation 30-60

Ein Leben zwischen zwei Generationen: Die stille Last der Generation 30-60

Die Altersgruppe der 30- bis 60-Jährigen ist zu einer Generation geworden, die durch die Vernachlässigung ihrer Eltern verwundet und durch die Unzufriedenheit ihrer Kinder erneut in Frage gestellt wurde.

Die Geschichte gibt manchen Generationen nicht nur Zeit, sondern auch Last. Die Generation der heute 30- bis 60-Jährigen steht genau an einem solchen historischen und psychologischen Scheideweg. Diese Generation hat nicht nur die Folgen der unvollständigen, strengen oder emotional abwesenden Erziehung ihrer eigenen Eltern getragen, sondern auch eine neue Spannung geschaffen, um ihren Kindern nicht dieselben Wunden zuzufügen. Die betreffende Generation ist also nicht nur Trägerin eines individuellen, sondern auch eines generationenübergreifenden Bruchs.

Die Kindheit dieser Generation wurde größtenteils in Familienstrukturen verbracht, die auf Autorität basierten, in denen Gehorsam als Tugend galt und Gefühle oft als Schwäche angesehen wurden. Liebe war meist an Bedingungen geknüpft; sie wurde durch Erfolg, Gehorsam und Opferbereitschaft erworben. Die individuellen Grenzen und emotionalen Bedürfnisse des Kindes wurden entweder nicht anerkannt oder als “verwöhnt” abgestempelt. Der Mensch, der in diesem Umfeld aufwächst, lernt schon früh, dass Um wertgeschätzt zu werden, muss man sich anpassen.

Als diese Generation jedoch das Erwachsenenalter erreichte, lehnten sie diese Form der Erziehung bewusst oder intuitiv ab. Um zu verhindern, dass ihre Kinder die Kälte, Härte und oft auch Ungerechtigkeit ihrer eigenen Eltern erleben, nahmen sie diesmal eine Position am anderen Extrem ein. Ein Erziehungsverständnis, das sich vor Autorität scheut, Grenzen setzen mit Lieblosigkeit verwechselt und nach dem Motto handelt: “Mein Kind soll nicht das erleiden, was ich erlitten habe”, hat sich durchgesetzt. Diese gut gemeinte Haltung hat sich jedoch oft in Grenzenlosigkeit verwandelt und nicht in ein gesundes Gleichgewicht.

Das Hauptproblem besteht darin, dass diese Generation die Rolle der Eltern übernimmt, ohne sich ihren eigenen Wunden in der Kindheit zu stellen. Wenn ein psychisch nicht geheilter Mensch Eltern wird, versucht er unbewusst, seinen eigenen Mangel durch sein Kind zu kompensieren. Die Liebe zum Kind vermischt sich im Laufe der Zeit mit Schuldgefühlen. Da die Frage “Wurde ich genug geliebt?” nicht beantwortet wird, führt die Angst “Meinem Kind sollte es nicht an etwas fehlen” zu überkompensatorischen Verhaltensweisen. So entsteht das Profil eines Elternteils, der keine Grenzen setzen kann, der nicht enttäuscht, aber gleichzeitig erschöpft ist.

Als unvermeidliche Folge dieses Bildes lassen sich bei den Kindern dieser Generation bestimmte gemeinsame Muster beobachten. Das Kind, das nicht ausreichend mit Grenzen konfrontiert wird, kann die Welt so wahrnehmen, dass sie sich um seine eigenen Bedürfnisse dreht. Sie haben eine niedrige Frustrationstoleranz, sind wütend, ungeduldig oder ziehen sich zurück, wenn sie frustriert sind. Es fällt ihnen schwer, eine gesunde Beziehung zu Autoritäten aufzubauen, und sie können entweder ein extrem rebellisches oder ein völlig abhängiges Verhalten entwickeln. Am wichtigsten ist, dass diese Kinder oft Liebe, aber keine Führung erhalten. Sie haben Liebe, aber kein Verantwortungsbewusstsein.

Die eigentliche Tragödie an diesem Punkt ist die folgende: Die Generation der 30- bis 60-Jährigen ist zu einer Generation geworden, die durch die Vernachlässigung ihrer Eltern verwundet wurde und gleichzeitig durch die Unzufriedenheit ihrer Kinder erneut in Frage gestellt wird. Sie sind gefangen zwischen dem Schatten der Vergangenheit von oben und den Anforderungen der Zukunft von unten. Es handelt sich um einen historischen und kulturellen Übergang und nicht um ein individuelles Versagen.

Kann dieser Kreislauf durchbrochen werden? Ja, aber nur, wenn man anerkennt, dass ein dritter Weg möglich ist. Weder strikter Autoritarismus noch unbegrenzter Kompromiss. Gesunde Kindererziehung entsteht aus der Spannung zwischen Liebe und Grenzen.

Es erfordert den Mut, dem Kind sowohl zu sagen “Ich verstehe dich” als auch “Das ist inakzeptabel”. Dazu muss der Elternteil zunächst in seine eigene Kindheit zurückgehen und sich den dort fehlenden Gefühlen stellen. Wer seine eigenen Wunden nicht erkennt, kann sie nicht heilen; wer sie nicht heilen kann, gibt sie weiter.

Die vielleicht größte historische Rolle dieser Generation ist ihre Fähigkeit, diese Kette anzuerkennen, ohne den Schmerz zu romantisieren, ohne die Opfer zu heiligen und ohne die Schuld auf eine einzige Generation zu schieben.

Denn das Bewusstsein ist der erste Punkt, an dem die intergenerationelle Übertragung unterbrochen wird. Diese Generation mag viel verloren haben, aber sie ist auch die erste, die das Bedürfnis nach Heilung artikuliert. Das macht sie nicht nur “unglücklich”, sondern auch transformativ.

Gürsel Karaaslan

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