Während meiner Studienzeit, als ich frühmorgens zur Schule ging, sah ich immer wieder Kinder, die auf den Gehwegen übereinander schliefen.
Kinder kauerten zusammen, um sich vor der Kälte zu schützen.
Keiner dreht sich um, keiner schaut hin, keiner wundert sich.
Damals habe ich mir selbst ein Versprechen gegeben:
“Eines Tages, wenn ich die Macht dazu habe, werde ich diesen Kindern ein Zuhause, Essen und Liebe geben.”
Um in diesem Land ein Kind zu bekommen, braucht man keinen Führerschein.
In meinem letzten Jahr des Medizinstudiums, als ich im Entbindungskrankenhaus von Konak Dienst hatte, erinnere ich mich an ein wunderschönes weißes Baby, das von einer psychisch kranken Frau geboren wurde.
Er hatte keine Kleidung; die Krankenschwester wickelte ihn in chirurgisches Grün.
An diesem Tag wurde mir klar, was für eine billige Lüge das Märchen von der Gleichheit war.
Das ist jetzt 28 Jahre her und ich frage mich immer noch:
Wo ist der Junge heute?
Vielleicht ist er noch am Leben.
Vielleicht ist er erwachsen geworden.
Vielleicht gab es niemanden, der ihn wieder einpacken konnte.
Wer weiß?
Nun zurück zum heutigen Tag.
Die Zahl der Fälle von Kindesmissbrauch in diesem Land hat sich in den letzten zwanzig Jahren um das 3 bis 4fache erhöht.
Laut TÜİK wurden im Jahr 2022 mehr als 600 Tausend Kinder in Sicherheitseinheiten gebracht.
Wenn die eine Seite dieser Zahlen die Zunahme der Sichtbarkeit ist, ist die andere Seite die Vertiefung des Verfalls.
Uneheliche Kinder, arme Kinder, Waisenkinder...
Kinder, über die die Gesellschaft schnell hinweggeht, die von den Politikern ignoriert werden und die das System vergisst.
Sie sind die wahrscheinlichsten Opfer der Kette der Vernachlässigung.
Das Haus, in dem sie geboren wurden, ihre Nachnamen, ihre Familien... Nichts davon ist ihre Entscheidung.
Aber sie zahlen den höchsten Preis für das Vergehen.
Kongregationen, geschlossene Strukturen, Sekten...
Das mag eine Tatsache der Gesellschaft sein.
Aber jede Struktur, in der die Kultur des Gehorsams vorherrscht, unterdrückt die Stimme des Kindes.
Spätestens in geschlossenen Räumen wird der Missbrauch immer erkannt.
Jeder weiß über häusliche Gewalt Bescheid, aber niemand spricht darüber. Das Kind empfindet sogar Liebe für die Mutter, die es schlägt, weil es denkt, dass es schuldig ist. Deshalb ist das Kind das stille Opfer von Missbrauch.
Und dann sind da noch die Kinder inhaftierter Eltern. Babys, die im Gefängnis aufwachsen, Kinder, die draußen allein gelassen werden...
Heute sind sie unsichtbar, morgen werden sie sich im Spiegel der Gesellschaft wiederfinden.
Die Psychologie sagt das schon seit Jahren:
Ein Kind, das Gewalt sieht, denkt, dass Gewalt eine normale Sprache ist.
Die digitale Welt ist ein weiterer Sumpf.
Jetzt tritt ein Fremder in das Leben des Kindes ein, nicht durch die Haustür, sondern durch einen kleinen Bildschirm in der Tasche.
Deshalb kreisen wir auch heute noch um die gleiche Frage:
Was sagt dieses Land zu seinen Kindern?
Die offensichtliche Antwort ist:
“Akzeptieren Sie einfach Ihr Schicksal.”
Das ist kein Schicksal, das ist Nachlässigkeit.
Das ist kein Schicksal, das ist Ungleichheit.
Das ist kein Schicksal, das ist Verantwortungslosigkeit.
Die Zukunft einer Gesellschaft hängt nicht von ihrem Budget ab, sondern davon, was sie ihren Kindern bietet.
Die Kinder, die übereinander auf der Straße liegen, das Baby, das in chirurgisches Grün gewickelt ist...
Sie schreien die einzige Wahrheit in diesem Land heraus:
“Wir gelten von vornherein als verloren.”
Und keine Reform, kein Gesetz, keine Hoffnung wird vollständig sein, bis dieses Land wirklich beginnt, die Stimmen seiner Kinder zu hören.
