Viele Jahre lang wurden die türkisch-kurdischen Beziehungen in der Türkei im Schatten politischer Slogans, ideologischer Polarisierungen und künstlicher Antagonismen diskutiert. Wenn wir dieses Thema jedoch nicht mit Slogans, sondern mit soziologischen Fakten betrachten, ist das Bild sehr klar: Die türkisch-kurdische Brüderlichkeit ist kein Wunsch, kein Aufruf zum guten Willen und auch kein Produkt der Politik; des gelebten Lebens, der gemeinsamen Geschichte und der verflochtenen sozialen Struktur ist das Ergebnis.
Diese Partnerschaft wird auch deutlich, wenn wir uns den Gründungsprozess der Republik ansehen. Die Anwesenheit kurdischer Abgeordneter in der Gründungsversammlung ist ein Indiz dafür, dass die Republik nicht auf ethnischer Ausgrenzung, sondern auf der Idee einer gemeinsamen Staatsbürgerschaft aufgebaut war. Die Kurden wurden Teil des Gründungswillens der Republik und nahmen am politischen Leben nicht nur als Regierte, sondern auch als regierende Subjekte teil. Diese Vertretung beschränkte sich nicht auf eine einzige Periode oder eine einzige Partei; mit dem Übergang zum Mehrparteiensystem waren Kurden in fast allen politischen Parteien der Türkei vertreten. Heute engagieren sich kurdische Bürgerinnen und Bürger in Parteien mit unterschiedlichen ideologischen Ausrichtungen, was zeigt, dass sich die kurdische Identität nicht in eine einzige politische Form pressen lässt.
In diesem Rahmen ist es von entscheidender Bedeutung, Atatürks Verständnis von Nationalismus richtig zu verstehen. Atatürks Nationalismus ist keine enge und ausgrenzende Identitätspolitik, die auf der Grundlage der ethnischen Herkunft definiert wird, sondern ein politisches Verständnis von Zugehörigkeit, das auf einem gemeinsamen Schicksal, einer gemeinsamen Staatsbürgerschaft und einem gemeinsamen Recht beruht. Die Definition “Das Volk der Türkei, das die Republik Türkei gegründet hat, wird als türkische Nation bezeichnet” ist nicht Ausdruck einer ethnischen Überlegenheit, sondern einer gleichberechtigten Staatsbürgerschaft. In diesem Verständnis bedeutet "Türke sein" nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie, sondern zu den Gesetzen der Republik und dem Willen zu einem gemeinsamen Leben. Die Kurden sind von dieser Definition nicht ausgeschlossen, im Gegenteil, sie gehören als Gründungselemente der Republik zu diesem Rahmen.
Atatürks Nationalismus ist eine moderne und einheitsstiftende Formel für den Zusammenhalt einer Gesellschaft mit vielfältigen Identitäten, die aus dem Kaiserreich übrig geblieben sind. Aus diesem Grund ist er inklusiv, nicht spaltend; integrativ, nicht ausgrenzend. Heutige Ansätze, die versuchen, das türkisch-kurdische Verhältnis durch ethnische Spaltungen zu lesen, verengen Atatürks Nationalismus und lösen ihn aus seinem historischen Kontext. Die Praxis der politischen Repräsentation in der frühen republikanischen Zeit zeigt jedoch deutlich, dass die Kurden ein wesentlicher Teil des Staates und der Politik waren.
Die heutige soziologische Realität bestätigt diesen historischen Kontext. Istanbul ist zur größten kurdischen Stadt nicht nur in der Türkei, sondern auch in der Welt geworden. Schätzungen zufolge ist die kurdische Bevölkerung in Istanbul größer als in Diyarbakir, Erbil, Sulaimaniya oder irgendeiner anderen Stadt in Europa.
Allein diese Daten zeigen, dass die Kurden nicht auf einen bestimmten geografischen Raum beschränkt sind, sondern überall in diesem Land mit den Türken zusammenleben und an der Produktion, der Politik, der Kultur und dem täglichen Leben teilhaben. Die kurdische Bevölkerung in Istanbul ist keine vorübergehende Migrantengemeinschaft, sondern ein dauerhaftes soziales Element, das hier seit Generationen Wurzeln geschlagen, Töchter mit Türken ausgetauscht, verwandtschaftliche Bindungen geknüpft und eine gemeinsame städtische Kultur hervorgebracht hat.
Diskussionen, die sich auf Grenzen und ethnische Reduktionen stützen, sind ein Versuch, diese Realität zu verdrängen. Die Perspektive, die die Kurden auf die Grenzen Syriens, des Iraks oder des Irans beschränkt, ist falsch; die Kurden sind ein wesentlicher Teil des Zentrums und des öffentlichen Lebens in der Türkei. Millionen kurdischer Bürger, die eine aktive Rolle in der Arbeitswelt, der Wissenschaft, der Kunst, dem Handel und der Politik der Metropolen spielen, gestalten die gemeinsame Zukunft dieses Landes zusammen mit den Türken. Dieses verflochtene und tief verwurzelte Leben ist die stärkste Information, die sich gegen spaltende Diskurse richtet.
Unter diesem Gesichtspunkt stellt sich nicht die Frage, “wie man Brüderlichkeit herstellt”. Die eigentliche Frage ist die folgende: Wie kann diese bereits bestehende Brüderlichkeit durch Gerechtigkeit, Recht und Demokratie gestärkt werden? Die Forderung nach gleicher Staatsbürgerschaft ist kein Streben nach Überlegenheit einer Gruppe über eine andere. Gleiche Staatsbürgerschaft ist die Mindestvoraussetzung für Demokratie. Was auch immer das Bedürfnis der türkischen Bürger nach Recht, Gerechtigkeit und Demokratie ist, das Bedürfnis der kurdischen Bürger ist dasselbe. Demokratie ist nicht nur für türkischsprachige, sondern auch für kurdischsprachige Bürger notwendig. Diese Forderungen stehen nicht im Gegensatz zueinander, sondern sind Teil desselben demokratischen Grundes. Die Freiheit des einen bedeutet nicht den Verlust des anderen; wenn sich die Demokratie ausweitet, wird das gemeinsame Leben gestärkt. Die spaltende Identitätspolitik wird nicht durch die gesellschaftliche Realität, sondern durch kurzfristiges politisches Kalkül genährt.
Genau aus diesem Grund steht die Kommission für nationale Einheit, Solidarität und Demokratie vor einer historischen Verantwortung. Die Aufgabe dieser Kommission besteht nicht darin, abstrakte Aufrufe zur Einheit zu machen oder sich in Krisenzeiten mit symbolischen Erklärungen zu begnügen. Ihre eigentliche Aufgabe besteht darin, die türkisch-kurdische Symbiose mit den Grundsätzen der gleichen Staatsbürgerschaft, der Rechtsstaatlichkeit und der demokratischen Vertretung dauerhaft zu machen.
Die Kommission muss einen Ansatz wählen, der auf einer gemeinsamen Staatsbürgerschaft basiert, und nicht auf einer Sprache, die die Identitäten gegeneinander ausspielt. Die Einheit der Türkei ist nicht durch Uniformierung, sondern durch den Ausgleich von Unterschieden möglich. Das Recht des Staates sollte ebenso gemeinsam sein wie die Sprache des Staates. Das Bedürfnis des türkischsprachigen Bürgers nach Vertrauen in den Staat ist das gleiche wie das des kurdischsprachigen Bürgers. Das gemeinsame Leben kann nur durch gemeinsames Recht aufrechterhalten werden.
Die Schlussfolgerung ist klar: Die türkisch-kurdische Brüderlichkeit ist keine normative Forderung, sondern eine soziologische und historische Tatsache. Die demografische Struktur Istanbuls, die Gründungspraktiken der Republik und die heutige parteiübergreifende politische Repräsentation beweisen diese Tatsache immer wieder. Es geht nicht darum, eine Bruderschaft zu erfinden, die es nicht gibt, sondern die Bruderschaft, die seit mehr als einem Jahrhundert besteht, durch Demokratie zu sichern. Genau das ist die Aufgabe der Kommission für nationale Einheit, Solidarität und Demokratie. Denn in diesen Ländern ist die Einheit keine Option; sie ist der Name eines bereits etablierten Lebens.
