HALKWEBAutorenDie Dunkelheit von Beyazit: Der 16. März und der Schatten des tiefen Staates

Die Dunkelheit von Beyazit: Der 16. März und der Schatten des tiefen Staates

Die sieben jungen Menschen, die in Beyazıt getötet wurden, stellen uns immer noch dieselbe Frage: Sind wir wirklich bereit, uns mit der dunklen Geschichte dieses Landes auseinanderzusetzen?

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In der jüngsten Geschichte der Türkei sind einige Massaker nicht nur “unbekannte Täter”, sondern auch Symbole für dunkle Strukturen im Staat, politisches Kalkül und Straflosigkeit. Das Beyazıt-Massaker vom 16. März 1978 ist genau so ein Ereignis. An diesem Tag verloren sieben Studenten ihr Leben durch eine Bombenexplosion und anschließende Schießerei auf dem Beyazıt-Campus der Universität Istanbul: Abdullah Şimşek, Baki Ekiz, Cemil Sönmez, Hamit Akıl, Hatice Özen, Murat Kurt und Turan Ören.

Diese jungen Menschen waren nicht nur Universitätsstudenten. Sie waren auch Teil der demokratischen, egalitären und libertären Jugendbewegung, die in den 1970er Jahren entstand. Das an den Universitäten organisierte linke Gedankengut erhob die Stimme der Arbeiter und des Volkes. Genau aus diesem Grund wurden sie zur Zielscheibe.

Das Beyazıt-Massaker war kein gewöhnlicher “Kampf auf dem Campus”. Dieser Angriff kann nicht verstanden werden, ohne ihn als Teil der Konterguerilla-Struktur und der dunklen Netzwerke innerhalb des Staates zu analysieren, die in der Türkei jener Zeit immer deutlicher zu Tage traten. Denn die Planung des Anschlags, die angewandte Methode und das, was danach geschah, zeigten, dass nicht nur einige wenige Militante hinter dem Vorfall steckten, sondern eine viel tiefere Struktur.

Der Angriff war organisiert. Der Zeitpunkt, zu dem die Studenten die Fakultät verlassen würden, war bekannt. Die Bombe wurde in die Mitte der Menge geworfen, und unmittelbar danach wurde mit automatischen Waffen geschossen. Doch die eigentliche Dunkelheit begann erst nach dem Massaker. Jahrelange Gerichtsverfahren, verlorene Akten, ins Ausland geflohene Angeklagte und ergebnislose Ermittlungen haben in der Türkei ein einheitliches Bild ergeben: Straflosigkeit.

Dies ist ein starkes Indiz dafür, dass die Atmosphäre der politischen Gewalt, in die die Türkei in den 1970er Jahren gestürzt wurde, kein Zufall war. Denn im selben Zeitraum kam es in Maraş, Çorum, Malatya und vielen anderen Orten zu ähnlichen dunklen Anschlägen. Die Gesellschaft war polarisiert, die Straßen waren blutgetränkt und das Land wurde Schritt für Schritt auf einen Militärputsch zugesteuert.

Das Massaker von Beyazit ist eines der eindrucksvollsten Beispiele für diesen Prozess an den Universitäten. Die Kräfte, die die organisierte, politische und oppositionelle Stimme der Jugend unterdrücken wollten, zielten darauf ab, ein Klima der Angst zu schaffen. Die Geschichte hat uns jedoch gezeigt: Angst führt nicht immer zum Schweigen. Manchmal schafft sie ein stärkeres Gedächtnis und einen entschlosseneren Kampf.

Jede Nelke, die heute auf dem Beyazıt-Platz abgelegt wird, ist nicht nur ein Zeichen des Gedenkens an die sieben jungen Menschen. Sie ist auch ein Einspruch gegen die Vertuschung dunkler Strukturen, tiefer staatlicher Beziehungen und politischer Gewalt in diesem Land.

Die Tatsache, dass das Beyazıt-Massaker trotz der Jahrzehnte, die seither vergangen sind, nicht vollständig aufgeklärt wurde, erinnert uns an eines der größten Hindernisse für die Demokratie in der Türkei: Die unbewältigte Vergangenheit.

Gerechtigkeit wird nicht nur in Gerichtssälen, sondern auch im sozialen Gedächtnis verankert. Wenn sich eine Gesellschaft nicht mit ihren eigenen dunklen Seiten auseinandersetzt, werden diese Seiten immer wieder neu geschrieben werden.

Deshalb ist der 16. März nicht nur ein Tag der Trauer. Er ist auch ein Aufruf zur Konfrontation.

Denn die sieben in Beyazıt getöteten jungen Menschen stellen uns immer noch die gleiche Frage:
Sind wir wirklich bereit, uns mit der dunklen Geschichte dieses Landes auseinanderzusetzen?

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