HALKWEBAutorenDoppelte Verschiebung der Politik

Doppelte Verschiebung der Politik

Politik in der Türkei ist nicht mehr eine Frage der Konsistenz, sondern eine Kunst des Timings.

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Politik in der Türkei ist nicht mehr eine Frage der Konsistenz, sondern eine Kunst des Timings.
Zu wissen, wann man hart und wann man weich sein muss... Wenn möglich sogar beides am selben Tag.

Am Morgen kam Devlet Bahçeli heraus und kritisierte Özgür Özel.
Nicht einfach so; Äußerungen, die längst die Grenze zur politischen Kritik überschritten haben und zu direkten Persönlichkeitsanalysen geworden sind...
“Geistesfinsternis”, “pathologischer Fall”, “Schande”... Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Dann ist es Abend.
Später am gleichen Tag, auf der gleichen politischen Bühne, diesmal ein ganz anderer Ton:
“Möge euer Kandil gesegnet sein, lasst uns vereint sein, lasst uns unsere Brüderlichkeit stärken...”

Sie können nicht anders als denken:
Kam die Tagesnachricht aus einem anderen Land, oder wurde die Abendnachricht an einen anderen Planeten geschickt?

Es handelt sich nicht mehr um einen klassischen politischen Widerspruch.
Das bedeutet, dass ein und dieselbe Person am selben Tag in zwei verschiedenen Rollen auftritt.
Auf der einen Seite eine Sprache, die sich von Härte ernährt und andere zu diskreditieren versucht;
Andererseits ein Diskurs, der uns an den sozialen Frieden, die Einheit und die Solidarität erinnert.

Das Problem ist, dass sich diese beiden Sprachen nicht mehr gegenseitig neutralisieren.
Im Gegenteil: Je mehr sie nebeneinander stehen, desto deutlicher werden sie sichtbar.

Denn der Aufruf zur Einheit wirkt wie ein “Lack des guten Willens”, der über die spaltende Sprache des Tages gestreut wird.
Und was unter dem Lack zum Vorschein kommt, ist das vertraute Bild, das jeder sieht, das aber niemanden überrascht:
Härte ist angesagt, Weichheit ist eine obligatorische Ansage am Ende des Tages.

Vielleicht geht es gar nicht darum, was Politiker sagen.
Es geht darum, dass diese beiden gegensätzlichen Sprachen niemandem mehr fremd erscheinen.

Denn so sieht die Politik in der Türkei schon seit langem aus:
Erst macht man es kaputt, dann sagt man: “Wir wollen es nicht kaputt machen”.
Erst wird man hart, dann ruft man zur Einigkeit auf.

Und das Wichtigste:
Wenn Sie das tun, wird niemand fragen: “Wie ist das passiert?”.

Das ist genau der Punkt.
Dies ist nicht länger eine Ungereimtheit;
ein vertrautes Muster.

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