Manche Menschen nehmen die Welt anders wahr als andere. Dieser Unterschied lässt sich nicht durch den Charakter oder persönliche Vorlieben erklären. Psychologie und Neurowissenschaft bezeichnen dies als hohe Wahrnehmungssensibilität: Das Nervensystem ist empfänglicher für Umweltreize.
Menschen mit dieser Struktur haben eine niedrige Wahrnehmungsschwelle. Geräusche, Ausdrücke und Umweltveränderungen werden früher wahrgenommen. Was geschieht, bleibt nicht nur auf der geistigen Ebene, sondern hat auch eine körperliche Entsprechung. Es geht also nicht um das “Überdenken”, sondern um die Wirkung des Geschehens auf den Menschen.
Ich gehöre auch zu dieser Gruppe. Zum Beispiel kann ich nicht gleichgültig bleiben gegenüber dem, was in der Gesellschaft geschieht, insbesondere gegenüber Unrecht und Ungerechtigkeit. Ich kann nicht vorbeigehen. Das ist keine Vorliebe, sondern das Ergebnis der Wahrnehmung. Ich habe keine bestimmten Schwellenwerte. Sobald ich wahrnehme, was geschieht, kann ich es nicht geistig wegschieben.
Deshalb schreibe ich: Schreiben ist für mich kein Ausdrucksmittel, sondern eine Methode, Gedanken zu ordnen. Wenn ich aufschreiben kann, was vor sich geht, wird die Sache klarer; was verstreut ist, wird aufgeräumt. Das Schreiben ermöglicht es mir, den Abstand zwischen Wahrnehmung und Denken herzustellen.
Es gibt Werte, denen ich Bedeutung beimesse: Gerechtigkeit, Arbeit, Fairness. In dem Maße, in dem ich mich mit diesen Werten verbinden kann, steigt meine Funktionalität. Wenn man von mir erwartet, dass ich sie ignoriere, habe ich Schwierigkeiten.
Die wichtigste Folge einer hohen Wahrnehmungssensibilität ist die folgende: Diese Menschen orientieren sich nicht an der Routine, sondern an der Bedeutung. Die Arbeit, die sie tun, die Position, die sie einnehmen, die Worte, die sie sagen, müssen einen Sinn haben. “Verwalten” führt oft nicht zu Lösungen, sondern schiebt sie nur auf. Wenn die innere Kohärenz zusammenbricht, leidet die Funktion, nicht die Motivation.
Diese Situation ist bei Künstlern, Akademikern, Lehrern und Forschern häufiger anzutreffen. Der gemeinsame Punkt ist nicht der Beruf, sondern die Klarheit der Wahrnehmung und das Bedürfnis nach Sinn. Meistens wird die Berufswahl nach diesem Bedürfnis getroffen. Die Gesellschaft neigt dazu, diese Offenheit als Problem zu betrachten.
Das eigentliche Problem ist jedoch das Verhalten, als gäbe es eine einzige Wahrnehmungsschwelle für alle.
Und das ist meist schwerer als vorbeizugehen.
