HALKWEBAutorenÄrztinnen und Ärzte in der türkischen Politik

Ärztinnen und Ärzte in der türkischen Politik

Die Türkei braucht nicht noch mehr Arzt-Politiker. Was wir brauchen, sind Menschen, die mit der Ethik eines Arztes Politik machen können.

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Wer ein Medizinstudium aufnimmt, wählt nicht nur einen Beruf. Er oder sie lernt auch, mit Menschen in Kontakt zu kommen, Leid zu sehen und Verantwortung zu übernehmen. In der Medizin geht es nicht nur um den Umgang mit dem Körper, sondern auch darum, menschliche Schwächen zu verstehen und zu erkennen.

Die Ärzte, die in den ersten Jahren der Republik in die Politik gingen, betrachteten Krankheit nicht als individuelles Problem. Sie betrachteten die Gesellschaft als Ganzes. Sie wussten, dass sie im Kampf gegen die Epidemie auch Armut, Vernachlässigung und Bildungsmangel bekämpften. Für sie war Gesundheit kein Ausgabenposten, sondern ein integraler Bestandteil der Menschenwürde. Die Präventivmedizin war keine medizinische Entscheidung, sondern eine eindeutig moralische Frage.

Dieses Verständnis hat sich im Laufe der Zeit geändert.

Wenn wir uns einige Ärzte ansehen, die sich heute in der Politik engagieren, stellen wir fest, dass das durch ihren Beruf gewonnene Bewusstsein in den Hintergrund gedrängt wurde. An die Stelle des Zuhörens ist das Erzählen getreten, an die Stelle des Verstehens das Überreden. Das Wichtigste in der Medizin ist jedoch nicht das Reden, sondern das Hören. Man kann den Patienten nicht heilen, wenn man ihn zum Schweigen bringt, und die Gesellschaft kann es auch nicht.

Das müssen wir akzeptieren:
Macht testet die innere Welt des Menschen.
Wenn die Titel zunehmen, kann die innere Stimme schwächer werden.

Ich glaube, dass die Medizin viel zur Politik beitragen kann, denn sie lehrt die Menschen, ihr Verantwortungsbewusstsein zu bewahren, wenn sie sich in menschliche Angelegenheiten einmischen. Sie erinnert uns daran, dass jede Entscheidung einen Preis hat, jede Intervention eine Reaktion nach sich zieht. Genau das ist es, was die Politik heute am meisten braucht: Verantwortungsbewusstsein.

Die Türkei braucht nicht noch mehr Arzt-Politiker.
Was wir brauchen, sind Leute, die mit der Ethik eines Arztes Politik machen können.

Wenn ein Mensch sich diese Fragen noch stellen kann, wenn er die Macht übernimmt, gibt es Hoffnung:

“Wer wird für diese Entscheidung bezahlen?”
“Welche Wunde wird der Schritt, den ich heute mache, morgen vergrößern oder heilen?”
“Erhebe ich meinen eigenen Namen auf diesem Platz, oder hinterlasse ich ein Fundament für diejenigen, die nach mir kommen werden?”

Ein Arzt, der diese Fragen stellen kann, kann auch ein Heiler in der Politik sein.
Derjenige, der nicht fragt, wechselt nur den Platz.

Dieses Land ist schon seit langem müde.

Vielleicht brauchen wir nicht mehr diejenigen, die laut sprechen, sondern diejenigen, die die Menschen wirklich hören.

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