Unsere Fahrt durch Kayseri auf dem Weg nach Malatya führte uns nicht nur in eine Stadt, sondern auch in tiefe und traurige Schichten der Geschichte. Als wir durch Kayseri fuhren, fielen mir die riesigen Steinbauten auf, die sich auf der rechten Seite der Straße erhoben. In diesem Moment bekamen diese Bauwerke, die wie eine architektonische Schönheit wirkten, eine ganz andere Bedeutung, und zwar dank eines Buches, das ich Monate später auf einer Buchmesse entdeckte.
Als ich auf der Buchmesse durch die Stände schlenderte, fiel mir ein Titel ins Auge: “Vielleicht kehre ich eines Tages zurück”. Als ich die Rückseite des Buches las, wurde mir klar, dass die steinernen Gebäude und verlassenen Straßen, die ich in Kayseri sah, eigentlich stumme Zeugen einer großen menschlichen Geschichte waren.
Kostas Emilios Tsolakidis, der Autor des Buches, war eines der Opfer des Bevölkerungsaustauschs nach dem Vertrag von Lausanne. Er wurde aus dem Dorf Germir in Kayseri - dem heutigen Zincidere - entwurzelt und zusammen mit seiner Mutter, einer Lehrerin, und seiner Großmutter gezwungen, das Land seiner Geburt zu verlassen.
Er war nur einer von Tausenden von Menschen, die nach Griechenland geschickt wurden, dessen Name ihm vertraut war, dessen Sprache und Geographie ihm jedoch fremd waren.
Kostas Tsolakidis hinterließ seine Kindheit, seine Erinnerungen, die Menschen, die er liebte, und sein Geburtsdorf.
Tsolakidis lebte sein ganzes Leben lang mit dem Schmerz dieser Trennung, die in ihm wuchs; er wurde alt und verließ diese Welt.
Am Ende seines Lebens hat er seine Erfahrungen in eine Erinnerung verwandelt, indem er sie aufgeschrieben hat. Sein Buch “Vielleicht kehre ich eines Tages zurück” ist nicht nur ein persönlicher Erinnerungsbericht, sondern auch ein literarischer Ausdruck des gemeinsamen Schmerzes von Menschen, die gewaltsam von ihrer Heimat getrennt wurden.
Germir ist auch das Dorf von Elia Kazan, dem weltberühmten Filmemacher aus Kayseri. Einst bekannt für seine lebhaften Straßen, sein reiches Geschäftsleben und seine kulturelle Vielfalt, ist der Ort heute weitgehend still.
Wenn man durch die Straßen des Dorfes schlendert, kommt man an Villen vorbei, die in feiner Steinarbeit errichtet wurden; man trifft auf die majestätischen, aber traurigen Silhouetten der Kirchen von Aya Todori, Surp Stephanos und Panaya.
Heute ist der verfallene Zustand von Germir wie eine Erinnerung unter freiem Himmel, eine Erinnerung an den Wohlstand und die Koexistenz der Vergangenheit. Verfallene Mauern, verlassene Tore und stille Höfe erzählen uns nicht nur ein architektonisches Erbe, sondern auch die Geschichte eines gewaltsam vertriebenen Volkes.
Aus diesem Grund ist “Vielleicht kehre ich eines Tages zurück” nicht nur ein Buch zum Lesen, sondern auch ein Aufruf zum Gewissen. Germir zu sehen bedeutet, die Spuren der Geschichte zu sehen. Denn den Schmerz der Vergangenheit zu verstehen, ist vielleicht der wahrhaftigste Weg, das Licht des Friedens in der Zukunft zu entzünden.
