HALKWEBAutorenKein feministisches Thema, sondern ein nationales Thema

Kein feministisches Thema, sondern ein nationales Thema

Die wahre Stärke einer Gesellschaft liegt darin, wie frei ihre Frauen leben können.

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Der 8. März ist eigentlich ein Spiegel.

An diesem Tag stellen sich die Gesellschaften die Frage: Sind Frauen wirklich gleichberechtigt?

Diese Frage ist nicht neu. Sie wird seit etwa zweihundert Jahren in vielen Teilen der Welt gestellt.

Manchmal erschien sie in der Feder eines Denkers.
Manchmal sprach er in einem Quadrat.
Manchmal am Tor einer Fabrik

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts leisteten die Arbeiterinnen in den Textilfabriken der USA lange Arbeitszeiten und erhielten niedrige Löhne. Im Jahr 1908 traten sie in New York in den Streik gegen diese Bedingungen. Einige Jahre später, 1911, starben 146 Arbeiterinnen, zumeist junge Frauen, bei einem Brand in der Triangle Shirtwaist Factory in New York, und diese Tragödie wurde zu einem der Symbole für den Kampf der Arbeiterinnen.

Die Türen der Fabrik waren verschlossen.
Die Fluchtwege waren unzureichend.

Bei dem Brand kamen 146 Arbeiter, meist junge Frauen, ums Leben.

Diese Tragödie wurde nicht nur als Arbeitsunfall betrachtet. Sie wurde zu einem Symbol für die Arbeitsbedingungen und die Ausbeutung von Arbeitnehmerinnen.

In diesen Jahren schlug die deutsche Aktivistin Clara Zetkin einen internationalen Tag vor, um den Kampf der Frauen sichtbar zu machen.

Im Laufe der Zeit wurde der 8. März in vielen Teilen der Welt zu einem symbolischen Tag für den Kampf um die Rechte der Frauen. Im Jahr 1975 erkannten die Vereinten Nationen diesen Tag offiziell als Internationalen Frauentag an.

Doch dieser Kampf ist nicht an einem Tag entstanden. Dahinter stand eine intellektuelle Debatte, die sich über mehr als zweihundert Jahre erstreckte.
Im 18. Jahrhundert vertrat die englische Philosophin Mary Wollstonecraft eine sehr einfache, aber wirkungsvolle Idee: Frauen sind nicht weniger intelligent als Männer. Sie erhalten nur weniger Bildung.

Die Natur ist nicht das Problem.
Das Problem ist die Gelegenheit.

Im Laufe der Zeit bildeten diese Ideen die Grundlage für die Bewegung, die als “Feminismus” bezeichnet wird.

In seiner einfachsten Form ist der Feminismus die Idee, dass Frauen die gleichen Rechte und Möglichkeiten wie Männer haben sollten. Mit anderen Worten, er tritt nicht dafür ein, dass Frauen den Männern überlegen sind, sondern dass sie als gleichberechtigte Bürger an der Gesellschaft teilhaben sollten.
Im 19. Jahrhundert verließ diese Idee die Bücher und wurde zu einer politischen Forderung. Frauen in Europa und Amerika begannen für das Wahlrecht zu kämpfen.

Heute scheint der Gang zur Wahlurne ein ganz normales Recht zu sein. Aber damals galt das Frauenwahlrecht als eine Forderung, die die Ordnung in vielen Ländern erschüttern würde.

Frauen marschierten.
Verhaftet.
Er trat in den Hungerstreik.

Und schließlich änderte sich das politische System.
Im 20. Jahrhundert hatte die Debatte eine andere Dimension erreicht. Es ging nicht mehr nur um das Wahlrecht. Die Stellung der Frau im Arbeitsleben, die Lohnungleichheit und die sozialen Rollen wurden diskutiert.

Die französische Philosophin Simone de Beauvoir hat diese Debatte in einem einzigen Satz zusammengefasst.

Man wird nicht als Frau geboren, man wird eine Frau.

Mit anderen Worten: Frau sein ist nicht nur eine biologische Realität. Sie ist ein Prozess, der durch die von der Gesellschaft auferlegten Rollen geprägt ist.

Die Wurzeln der Frauenbewegung in der Türkei sind viel älter als man glaubt. Frauenzeitschriften wurden bereits in der letzten Periode des Osmanischen Reiches veröffentlicht. Frauen schrieben Artikel zu vielen Themen, von der Bildung bis zum Arbeitsleben.

Nezihe Muhiddin setzte sich für die Beteiligung von Frauen an der Politik ein.
Halide Edib Adıvar war sowohl in der Literatur als auch in der Politik zu einer einflussreichen öffentlichen Person geworden.

Eine weitere wichtige Schwelle wurde in der republikanischen Ära überschritten. Mit den Reformen während der Herrschaft von Mustafa Kemal Atatürk erhielten Frauen gesetzliche Rechte. Im Jahr 1934 erhielten die Frauen das aktive und passive Wahlrecht. Dieses Datum ist früher als in vielen europäischen Ländern.

Aber es geht nicht nur um das Gesetz.

Sehen Sie sich die Türkei heute an.

Die Erwerbsquote der Frauen liegt bei etwa fünfunddreißig Prozent. In den OECD-Ländern liegt diese Quote bei über sechzig Prozent.

Der Anteil der weiblichen Abgeordneten im Parlament liegt bei etwa zwanzig Prozent.

Wenn ein Land nicht in der Lage ist, die Hälfte der Humanressourcen, die es hervorbringt, in den Produktionsprozess einzubeziehen, bedeutet dies, dass es die Hälfte seiner eigenen Kraft vergeudet.

Einige Länder haben dies schon vor Jahren erkannt. In den skandinavischen Ländern sind Kinderbetreuungsdienste weit verbreitet. Der Elternurlaub wird zwischen Müttern und Vätern aufgeteilt. Es gibt Mechanismen, um die Vertretung von Frauen in der Politik zu erhöhen.

Das Ergebnis ist offensichtlich.

Die Beteiligung der Frauen am Erwerbsleben ist hoch.
Ihre Volkswirtschaften sind stark.

Aber in der Türkei dreht sich die Debatte immer noch um andere Dinge.

Ist der Feminismus richtig oder falsch?

Die Frage, die man sich stellen muss, lautet jedoch.

Warum nutzt ein Land nicht die Hälfte seines eigenen Stroms?

Denn das Thema ist nicht der Feminismus.

Es ist eine Frage des Landes.

Die wahre Stärke einer Gesellschaft wird nicht nur an ihrer Wirtschaft gemessen.
Sie wird nicht nur an ihrer Armee gemessen.

Die wahre Stärke einer Gesellschaft liegt darin, wie frei ihre Frauen leben können.

Ein Land, das seine Frauen zurücklässt, lässt sich selbst zurück.

Der 8. März erinnert uns an genau das.

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