HALKWEBAutorenDemokratische Modernität unter Kriegsbedingungen: das Beispiel Rojava

Demokratische Modernität unter Kriegsbedingungen: das Beispiel Rojava

Rojava mag auch heute noch zerbrechlich sein, immer noch bedroht. Aber die Geschichte der Menschheit ist voll von Momenten, in denen sich zerbrechliche Hoffnungen in dauerhafte Veränderungen verwandelten.

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Rojava ist nicht nur eine Geografie, sondern einer der Spiegel, die sich die Menschheit selbst vorhält. Dieses Stück Land, das auf Landkarten als Nordost-Syrien bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit die Neuartikulation von Fragen, die jahrhundertelang aufgeschoben wurden, von unterdrückten Identitäten und verweigerten Hoffnungen. Wenn von Rojava die Rede ist, denkt man zunächst an das Getöse eines Krieges; doch wer genau hinhört, hört auch den Klang eines Aufbaus, das Beharren auf Koexistenz und eine aus der Asche aufsteigende soziale Fantasie.

In den Geschichtsbüchern, die nach großen Katastrophen geschrieben werden, wird oft das gesucht, was wir als Prüfung der Menschheit bezeichnen. Der wahre Test findet jedoch statt, während die Katastrophe noch andauert. Rojava ist in diesem Sinne ein Test, der sich vor den Augen der Welt abspielt. In einer Zeit, in der Gewalt alltäglich geworden ist, wird hier die Frage konkret, ob die Menschenwürde noch zu verteidigen ist. Die Bemühungen verschiedener ethnischer Identitäten, Sprachen und Glaubensrichtungen, sich um die Idee einer gleichberechtigten Staatsbürgerschaft zu versammeln; das Auftauchen von Frauen als soziale und politische Subjekte selbst inmitten des Krieges; das Streben nach Beteiligung an Entscheidungsprozessen in lokalen Versammlungen... All dies ist eine mutige Antwort auf die Frage “Ist eine andere Art von Ordnung möglich?”, die sich die Menschheit stellt.

Dieser Mut bezieht sich nicht nur auf den bewaffneten Widerstand, sondern auch auf einen intellektuellen Anspruch. Der Vorschlag einer pluralistischen Gesellschaft gegen die monistischen Muster des Nationalstaats, die horizontale Organisation gegen die Hierarchie, die Idee der Frauenbefreiung gegen das Patriarchat... Das sind keine romantischen Utopien, sondern konkrete Erfahrungen, die mitten im Krieg in die Praxis umgesetzt werden. Die Prüfung der Menschlichkeit vertieft sich hier: Wird die Welt diese Prüfung bestehen, indem sie diese Erfahrung ignoriert oder indem sie die moralische Notwendigkeit der Solidarität erfüllt?

Rojava ist auch ein Test für die Zukunft. Denn die Zukunft besteht nicht nur aus technischem Fortschritt oder wirtschaftlichem Wachstum, sondern auch aus der Qualität unseres Zusammenlebens. Angesichts des zunehmenden Autoritarismus auf globaler Ebene, der durch Identitätspolitik geschürten Feindseligkeiten und der Umweltzerstörung stellt die in Rojava aufkeimende Suche nach lokaler Demokratie und gemeinschaftlichem Leben einen alternativen Wegweiser für die Menschheit dar. Natürlich gibt es dabei Unzulänglichkeiten, Widersprüche und Schwierigkeiten. Aber die Zukunft wird nicht aus perfekten Projekten geboren, sondern aus mutigen Anfängen.

Jeder Schritt, der in diesen Ländern getan wird, ist in Wirklichkeit Teil einer universellen Debatte: Wird Macht oder Wahrheit entscheidend sein? Werden sich die Interessen durchsetzen oder die Gerechtigkeit? Wird die Geschichte der Völker geschrieben, die Bauern auf dem Schachbrett der Großmächte sind, oder wird der Wille der Völker, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen, geschrieben? Rojava ist ein Ort, an dem diese Fragen keine abstrakten, sondern konkrete Antworten finden. Der Kampf, der dort geführt wird, ist ein Vorbote nicht nur für eine Region, sondern auch für die politische Ethik, von der die Menschheit in Zukunft leben wird.

Die Prüfung des Gewissens und der Moral ist die schwierigste. Denn das Gewissen verlangt oft, die Komfortzone zu verlassen. Es ist einfach, aus der Ferne zu schauen und zu sagen: “Es ist eine komplexe Region”; die Moral hingegen verlangt, sich nicht hinter der Komplexität zu verstecken, sondern sich der Wahrheit zu nähern. Im Fall von Rojava verlangt das Gewissen, die Sicherheit der Zivilbevölkerung, die Freiheit der Frauen, das Recht der Kinder auf Bildung und die kulturelle Existenz der Völker zu verteidigen. Moral bedeutet, nicht nach dem Kräfteverhältnis Stellung zu beziehen, sondern die Menschenwürde in den Mittelpunkt zu stellen.

Um es literarisch auszudrücken: Rojava ist keine Oase in der Wüste, sondern ein Brunnen, der von denen gegraben wird, die in der Wüste Wasser suchen. Ist das Wasser klar, ist es tief genug, ist es nachhaltig? Darüber kann man debattieren. Aber die eigentliche Frage ist der Wille, diesen Brunnen zu graben. Die Menschheit gibt sich oft ihrer eigenen Hoffnungslosigkeit hin, während die Erfahrung von Rojava uns daran erinnert, dass Hoffnung kein passives Warten ist, sondern eine kollektive Aufbauarbeit.

Das Wichtigste ist vielleicht dies: Rojava zeigt uns, dass Geschichte nicht nur in großen Hauptstädten, Palästen und auf Gipfeltreffen geschrieben wird. Geschichte wird manchmal in einer Entscheidung geschrieben, die in einer kleinen Dorfversammlung getroffen wird, manchmal in der Entscheidung einer Frau zwischen einem Gewehr und einem Stift, manchmal in der Begegnung verschiedener Sprachen am selben Tisch. Dies ist die älteste, aber am meisten vergessene Wahrheit der Menschheit: Die Zukunft ist sinnvoll, wenn sie auf Mut und nicht auf Angst, auf Solidarität und nicht auf Hass, auf Anerkennung und nicht auf Verleugnung aufgebaut ist.

Rojava mag auch heute noch zerbrechlich sein, immer noch bedroht. Aber die Geschichte der Menschheit ist voll von Momenten, in denen sich zerbrechliche Hoffnungen zu dauerhaften Veränderungen entwickelt haben. Wenn die Welt diesen Test bestehen soll, dann nur, indem sie auf Erfahrungen wie die von Rojava hört, sie kritisch, aber fair bewertet und vor allem die Menschenwürde über jedes geopolitische Kalkül stellt.

Infolgedessen ist Rojava nicht mehr der Name einer weit entfernten Geografie, sondern eine Frage, die wir alle in uns tragen: Können wir Risiken für eine gerechtere, gleichberechtigtere und freiere Welt eingehen? Jede ehrliche Antwort auf diese Frage wird nicht nur über die Zukunft von Rojava, sondern auch über die Zukunft der Menschheit entscheiden. Und vielleicht beginnt genau hier die Hoffnung: In der Gegenwart derjenigen, die es wagen, das Unmögliche zu versuchen.

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