Heutzutage erzählen Fernsehserien nicht nur Geschichten, sie lehren die Gesellschaft auch, was als normal gilt. Nach einer Weile wird die Sprache, die auf dem Bildschirm wiederholt wird, zur Alltagssprache und von dort aus zum Verhalten. Die gleiche Erosion der Werte wird seit Jahren ununterbrochen reproduziert. Und dann sind wir erstaunt: “Warum ist die Gesellschaft so geworden?”
Aber die Antwort ist einfach: Die Gesellschaft sieht so aus, wie sie applaudiert.
Diese Wirkung kann nicht unterschätzt werden. In der Türkei durchgeführte Studien zeigen, dass etwa 70 Prozent der Gesellschaft täglich fernsehen, und ein großer Teil der Zuschauer verfolgt Fernsehserien als Hauptinhalt. Fernsehserien sind nicht mehr nur Unterhaltung, sondern eine Sprache der Emotionen, ein Modell für Beziehungen und eine Form der Reaktion für Millionen von Menschen. Es ist unrealistisch zu sagen, dass eine so weit verbreitete Kontaktfläche keine Auswirkungen auf die Gesellschaft hat.
Das Problem ist nicht nur die Gewalt. Die Gewalt ist der sichtbarste Teil. Das eigentliche Problem ist die Normalisierung von Verantwortungsflucht, Brutalität und Maßlosigkeit. Die Unfähigkeit, sich zurückzuhalten, wird als “Aufrichtigkeit” dargestellt, das Schreien als “Natürlichkeit”, das Brechen und Schlagen als “Realität”. Wenn das Maß verloren geht, werden die Verhaltensweisen nicht frei, sondern schlampig. Derjenige, der schweigt, gilt als schwach, derjenige, der schreit, als richtig.
Der Preis für diese Sprache wird am stärksten in der Familie gezahlt. Anstatt ein Ort des Vertrauens und der Solidarität zu sein, wird die Familie zu einem Ort ständiger Konflikte. Loyalität wird abgewertet, Aufopferung wird als Dummheit dargestellt, das Setzen von Grenzen wird als Unterdrückung empfunden. Die Kinder werden erwachsen, aber nicht reif. Denn die Sprache, die zu Hause gelernt wird, wird ins Leben übertragen. Genau an dieser Stelle bricht der Sauerteig der Gesellschaft zusammen.
Was der Psychiater Carl Jung als “Schatten” bezeichnete, sind verdrängte Wut, Gier und Machtstreben. Diese Emotionen verschwinden nicht. Aber wenn sie nicht gezügelt werden, beginnen sie, den Menschen zu beherrschen. Genau das wird heute getan: Kontrollverlust wird mit Aufrichtigkeit verwechselt. Aber das ist keine Tugend, sondern eine Schwäche.
Dieser Effekt ist nicht auf Beziehungen beschränkt. In einigen Fällen von Gewalt, Drohungen und häuslichen Straftaten, über die in den letzten Jahren in der Presse berichtet wurde, ist zu beobachten, dass die Sprache des Täters, die Art der Rechtfertigung der Ereignisse und die Logik der “Rechenschaftslegung” den Erzählungen auf dem Bildschirm ähneln.
Es geht hier nicht darum, zu sagen, dass “ein Verbrechen wegen der Serie begangen wurde”. Der Punkt, auf den die Sozialwissenschaften hinweisen, ist dieser:
Verhaltensweisen, die in den Medien ständig wiederholt werden, können einen Nachahmungs- und Legitimationseffekt hervorrufen, insbesondere bei Personen mit schlechter Wutkontrolle und Abgrenzungsproblemen. Die Sprache und die Rechtfertigung des Verbrechens werden erlernt, nicht das Verbrechen selbst. Gewalt wird als eine Form der Reaktion normalisiert.
Warum werden also keine Fernsehserien gemacht, die die Gesellschaft verbessern?
Weil es keine Entsprechung gibt. Lärm erregt schneller Aufmerksamkeit, Maßlosigkeit wird leichter verfolgt. Tiefgang erfordert Arbeit, Geduld und Kontinuität. Heute werden jedoch Inhalte belohnt, die schnell konsumiert werden und sofortige Reaktionen hervorrufen. Deshalb werden Szenen produziert, die Emotionen auslösen, nicht Geschichten, die Menschen reifen lassen. Es geht nicht um die Absicht, sondern um das, was beklatscht wird.
Deshalb gibt es ja moralische Normen. Nicht um die Menschen zu zwingen, gut zu sein, sondern um miteinander zu leben. Normen setzen Grenzen. Wenn Normen zurückgenommen werden, wächst nicht die Freiheit, sondern die Willkür. Wo es Willkür gibt, gibt es weder Gerechtigkeit noch Vertrauen.
Die Moral ist kein überholtes Regelwerk.
Moral ist die Versicherung der Gesellschaft.
Wenn Sie die Sicherung entfernen, brennt nicht nur der Bildschirm bei der ersten Störung durch, sondern das Leben selbst.
