{"id":283326,"date":"2026-03-05T05:22:42","date_gmt":"2026-03-05T05:22:42","guid":{"rendered":"https:\/\/halkweb.com.tr\/?p=283326"},"modified":"2026-03-05T05:22:42","modified_gmt":"2026-03-05T05:22:42","slug":"sakularismus-sakulares-leben-und-das-dilemma-der-chp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/halkweb.com.tr\/de\/sakularismus-sakulares-leben-und-das-dilemma-der-chp\/","title":{"rendered":"S\u00e4kularismus-Diskurs, s\u00e4kulares Leben und das Dilemma der CHP"},"content":{"rendered":"<p>Die meisten Debatten \u00fcber den Laizismus in der T\u00fcrkei konzentrieren sich nicht auf das Konzept selbst, sondern auf seine symbolische Bedeutung. Die \u201cVerteidigung des Laizismus\u201d ist ein m\u00e4chtiger politischer Slogan. Das grundlegendste Prinzip des politischen Denkens ist jedoch folgendes: Die Verteidigung eines Konzepts gewinnt nur dann an Bedeutung, wenn es tats\u00e4chlich als konkrete und institutionalisierte Ordnung existiert. Wenn es keine institutionell funktionierende s\u00e4kulare Ordnung gibt, wird nicht der S\u00e4kularismus verteidigt, sondern ein s\u00e4kularer Lebensstil, der oft an dessen Stelle tritt.<\/p>\n<p>Genau das ist die Spannung in der heutigen T\u00fcrkei. Auf der einen Seite eine s\u00e4kulare Kultur, die den individuellen Lebensbereich frei von religi\u00f6sen Bez\u00fcgen halten will, auf der anderen Seite ein Verst\u00e4ndnis, das die \u00f6ffentliche Sichtbarkeit und politische Legitimit\u00e4t der Religion erh\u00f6hen will. Meistens geht es bei diesem Konflikt jedoch nicht um den institutionellen Inhalt des Laizismus, sondern um kulturelle Identit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt uns direkt zu der folgenden Frage: Wird der Laizismus in der T\u00fcrkei wirklich verteidigt, oder wird unter dem Namen des Laizismus eine kulturelle Identit\u00e4t gesch\u00fctzt?<\/p>\n<p><strong>Historischer Hintergrund: Inspektion, nicht Separation<\/strong><\/p>\n<p>Die historische Entwicklung des S\u00e4kularismus in der T\u00fcrkei unterscheidet sich von dem klassischen Beispiel in Europa. In Europa entstand der S\u00e4kularismus als Ergebnis langer K\u00e4mpfe zwischen Kirche und Staat; die Neutralisierung des Staates gegen\u00fcber der Religion und die Begrenzung des Einflusses religi\u00f6ser Institutionen auf die politische Macht waren die Grundprinzipien.<\/p>\n<p>In der T\u00fcrkei wurde der Prozess in einem anderen Kontext gestaltet.<\/p>\n<p>Am 23. April 1920, mit der Er\u00f6ffnung der Gro\u00dfen Nationalversammlung der T\u00fcrkei, \u00e4nderte sich das Verst\u00e4ndnis von Souver\u00e4nit\u00e4t;<br \/>\nAm 1. November 1922 wurde das Sultanat abgeschafft;<br \/>\nAm 29. Oktober 1923 wurde die Republik ausgerufen;<br \/>\nAm 3. M\u00e4rz 1924 wurde das Kalifat abgeschafft und Tawhid-i Tedrisat eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Das Ministerium f\u00fcr Scharia und Awqaf wurde abgeschafft, und an seiner Stelle wurde das Pr\u00e4sidium f\u00fcr religi\u00f6se Angelegenheiten eingerichtet.<\/p>\n<p>Der entscheidende Punkt dabei ist folgender: Die Verbindung zwischen Religion und Staat wurde nicht aufgel\u00f6st, sondern die Religion wurde unter die Kontrolle des Staates gestellt. Das daraus resultierende Modell ist kein klassischer separatistischer S\u00e4kularismus, sondern ein staatlicher S\u00e4kularismus.<\/p>\n<p>Diese historische Struktur bildet den Hintergrund f\u00fcr die heutigen Debatten. Der S\u00e4kularismus in der T\u00fcrkei war nie ein Modell der institutionellen Neutralit\u00e4t im westlichen Sinne. Der Staat schloss die Religion nicht aus, sondern verwaltete sie durch eine zentralisierte B\u00fcrokratie.<\/p>\n<p><strong>Vom S\u00e4kularismus zur s\u00e4kularen Identit\u00e4t: Die Eingrenzung des Konzepts<\/strong><\/p>\n<p>Wenn heute vom S\u00e4kularismus die Rede ist, wird oft Folgendes verteidigt: Der Schutz der individuellen Lebensf\u00fchrung. Der Laizismus ist jedoch nicht nur eine Frage der Lebensf\u00fchrung, sondern ein Verfassungsgrundsatz, der die gleiche Distanz des Staates zu allen Glaubensrichtungen garantiert.<\/p>\n<p>Wenn dieser Grundsatz tats\u00e4chlich angewendet w\u00fcrde:<\/p>\n<ul>\n<li>Der rechtliche Status von Cemevis w\u00fcrde nicht zur Debatte stehen.<\/li>\n<li>Die religi\u00f6se Institution des Staates w\u00e4re nicht in einer privilegierten Position.<\/li>\n<li>Das Bildungssystem h\u00e4tte sich nicht in einen Mechanismus verwandelt, der die Aus\u00fcbung irgendeines Glaubens f\u00f6rdert.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Frage der Aleviten zeigt diese Abgrenzung am deutlichsten. Der Status der Cemevis ist nach wie vor umstritten. In einem s\u00e4kularen Staat kann der Status von Gebetsst\u00e4tten nicht Gegenstand politischer Verhandlungen sein.<\/p>\n<p>F\u00fcr diesen Widerspruch ist nicht nur die Regierung verantwortlich, sondern auch die Opposition, die sich den Diskurs des S\u00e4kularismus zu eigen macht.<\/p>\n<p><strong>Das Dilemma der CHP: Zwischen Erbe und Programm<\/strong><\/p>\n<p>Die Republikanische Volkspartei definiert sich selbst als \u201cdie Gr\u00fcndungspartei der s\u00e4kularen Republik\u201d. Dieses Narrativ ist historisch stark. Die wichtigste Frage heute ist jedoch die folgende: Wurde dieses historische Erbe in ein aktuelles politisches Programm umgewandelt?<\/p>\n<p>Einerseits behauptet die CHP, den Laizismus zu verteidigen, aber andererseits legt sie keine mutige und klare Reformlinie vor, die das Verh\u00e4ltnis zwischen Staat und Religion neu definieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Gibt es eine klare Perspektive f\u00fcr den verfassungsrechtlichen Status des Diyanet?<br \/>\nGibt es einen Entwurf f\u00fcr eine Verfassungsreform, die die Neutralit\u00e4t des Staates gegen\u00fcber allen Religionen institutionell garantiert?<br \/>\nGibt es ein Programm, das den Grundsatz der Neutralit\u00e4t im Bildungswesen ausdr\u00fccklich bef\u00fcrwortet und umzusetzen versucht?<\/p>\n<p>Solange diese Fragen nicht klar beantwortet werden, wird der S\u00e4kularismus ein kulturelles Symbol bleiben, kein politisches Programm.<\/p>\n<p>Genau hier zeigt sich das Hauptdilemma der CHP: Eine vorsichtige Sprache, um konservative W\u00e4hler nicht zu verschrecken, und eine starke Rhetorik, um s\u00e4kulare W\u00e4hler zu konsolidieren. Diese Doppelstrategie f\u00fchrt nicht zu Klarheit, sondern zu Mehrdeutigkeit.<\/p>\n<p><strong>Raum f\u00fcr Bildung: Das Lackmuspapier des S\u00e4kularismus<\/strong><\/p>\n<p>Das Ramadan-Rundschreiben des Bildungsministeriums hat die Debatte neu entfacht. Die F\u00f6rderung einer religi\u00f6sen Atmosph\u00e4re in den Schulen steht in direktem Zusammenhang mit dem Grundsatz der Neutralit\u00e4t des Laizismus.<\/p>\n<p>Das Bildungssystem eines s\u00e4kularen Staates kann die Aus\u00fcbung eines bestimmten Glaubens nicht f\u00f6rdern. Die Bildungseinrichtung bringt B\u00fcrger hervor, nicht Gemeinschaften.<\/p>\n<p>Der Grundsatz der Neutralit\u00e4t wird ausgeh\u00f6hlt, wenn der Staat eine Position einnimmt, die eine bestimmte religi\u00f6se Praxis sichtbar macht oder f\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Es geht hier nicht um eine technische Regelung. Es ist eine Frage des Charakters des Regimes.<\/p>\n<p><strong>Papiere, Nachforschungen und Breaking Point<\/strong><\/p>\n<p>\u201cDie Erkl\u00e4rung mit dem Titel \u201dWir verteidigen den S\u00e4kularismus gemeinsam\" brachte die Besorgnis \u00fcber die Erosion des S\u00e4kularismus zum Ausdruck. Die im Anschluss an die Erkl\u00e4rung eingeleitete Untersuchung zeigte jedoch, dass die Debatte nicht auf einer theoretischen Ebene blieb.<\/p>\n<p>Die Vorladung der Unterzeichner, zu denen auch der 91-j\u00e4hrige Prof. Dr. Korkut Boratav geh\u00f6rt, machte deutlich, dass die Frage des Laizismus inzwischen zum politischen Risiko geworden ist.<\/p>\n<p>Die Frage ist hier:<\/p>\n<p>Warum ist die Verteidigung eines Verfassungsgrundsatzes Gegenstand einer Untersuchung?<\/p>\n<p>Wenn der Laizismus eine Verfassungsnorm ist, was bedeutet es dann, dass diejenigen, die ihn verteidigen, rechtlichen Risiken ausgesetzt sind?<\/p>\n<p>Die Unf\u00e4higkeit der Opposition, angesichts dieser Entwicklungen eine klare politische Linie zu vertreten, vergr\u00f6\u00dfert die Distanz zwischen Diskurs und Praxis weiter.<\/p>\n<p>Die Verteidigung eines Grundsatzes ist nicht in einfachen, sondern in schwierigen Zeiten sinnvoll.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4kularismus und Imperialismus: Strategische Dimension<\/strong><\/p>\n<p>Der S\u00e4kularismus ist nicht nur ein Rechtsprinzip. Er ist auch eine Voraussetzung f\u00fcr nationale Integrit\u00e4t.<\/p>\n<p>Eines der klassischen Instrumente des Imperialismus ist die Spaltung von Gesellschaften auf der Grundlage von Religion und Sekten. Die s\u00e4kulare Ordnung bietet den Rahmen, der diese Spaltung verhindert. Wenn der Staat die Auslegung einer bestimmten Sekte vorschreibt, erweitert sich der Boden f\u00fcr soziale Konflikte.<\/p>\n<p>S\u00e4kularismus ist eine Voraussetzung f\u00fcr Wissenschaft, Gleichheit von Mann und Frau, Recht und freies Denken. Unwissenheit ist der fruchtbarste Boden f\u00fcr autorit\u00e4re Politik.<\/p>\n<p>Der S\u00e4kularismus ist also nicht nur ein kultureller, sondern auch ein strategischer Grundsatz.<\/p>\n<p><strong>Die wahre Gefahr: Stille Erosion, nicht offene Ablehnung<\/strong><\/p>\n<p>In der Geschichte der Politik verlieren Konzepte ihre Wirkung nicht, wenn sie ausdr\u00fccklich abgelehnt werden, sondern wenn sie ausgeweidet werden.<\/p>\n<p>Der S\u00e4kularismus wird heute nicht offen abgelehnt.<br \/>\nAber sie wird ausgeweidet.<\/p>\n<p>Dies ist der gef\u00e4hrlichste Moment.<\/p>\n<p>Wenn ein Grundsatz behauptet, von allen verteidigt zu werden, aber in der Praxis ausgeh\u00f6hlt wird, ist die Krise unsichtbar, aber tief.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrkei steht heute an einer Schwelle.<\/p>\n<p>Der S\u00e4kularismus wird sich in eine kulturelle Nostalgie verwandeln,<br \/>\noder wird sie in ein konkretes politisches Programm umgewandelt, das die Neutralit\u00e4t des Staates garantiert?<\/p>\n<p>Diese Frage wird nicht nur die Debatte \u00fcber den Laizismus bestimmen, sondern auch den intellektuellen Mut der Opposition.<\/p>\n<p>S\u00e4kularismus ist keine Verteidigung einer Lebensweise.<br \/>\nEs ist ein Prinzip der Ordnung.<\/p>\n<p>Und die Grunds\u00e4tze der Ordnung werden nicht durch Slogans, sondern durch Programme gesch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Wenn es kein Programm gibt, gibt es nur Erinnerungen.<\/p>\n<p>Und die Politik arbeitet nicht mit Erinnerungen, sondern mit Institutionen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Hinweis auf die stille Erosion eines Prinzips<\/p>","protected":false},"author":14,"featured_media":283327,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[286],"tags":[289],"class_list":{"0":"post-283326","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-yazarlar","8":"tag-manset"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/halkweb.com.tr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/283326","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/halkweb.com.tr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/halkweb.com.tr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/halkweb.com.tr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/halkweb.com.tr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=283326"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/halkweb.com.tr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/283326\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":283328,"href":"https:\/\/halkweb.com.tr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/283326\/revisions\/283328"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/halkweb.com.tr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/283327"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/halkweb.com.tr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=283326"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/halkweb.com.tr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=283326"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/halkweb.com.tr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=283326"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}