HALKWEBAutorenBilden wir Menschen aus, die die Demokratie tragen können?

Bilden wir Menschen aus, die die Demokratie tragen können?

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Kann eine demokratische Gesellschaft ohne geänderte Individuen entstehen, oder schafft die demokratische Gesellschaft geänderte Individuen?

Diese Frage ist nicht nur politischer, sondern auch moralischer und philosophischer Natur. Denn es geht hier nicht in erster Linie darum, wie Staaten regiert werden sollen, sondern darum, wie der Mensch sich selbst regiert.

Heute wird über Freiheit, Gleichheit und Demokratie so viel gesprochen wie nie zuvor in der Geschichte. Dennoch scheinen die Gesellschaften stärker polarisiert zu sein, die Menschen weniger tolerant miteinander umzugehen und die Kultur des Zusammenlebens zerbrechlicher zu sein.

Vielleicht liegt das Problem nicht bei den Institutionen, sondern beim Menschen selbst.

Lange Zeit glaubte man, Demokratie könne durch die richtigen Gesetze, die richtigen Institutionen und die richtigen Wahlen geschaffen werden. Die Geschichte hat uns jedoch etwas anderes gezeigt. Die Regime wechselten, doch die Kultur der Macht blieb meist unverändert. Die Könige verschwanden, doch der Herrschdrang im Menschen blieb bestehen.

Denn Demokratie ist nicht nur eine Regierungsform, sondern auch eine Frage der Persönlichkeit.

Wie sehr kann jemand, der sein eigenes Interesse über alles andere stellt, für Gleichheit eintreten? Wie sehr kann jemand, der sich selbst in den Mittelpunkt stellt, Freiheit teilen?

Hier zeigt sich das größte Paradoxon der Demokratie.

Die Menschen sprechen von Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit; doch wenn es darum geht, diese Werte zu verwirklichen, schaffen sie es meist nicht, über den Tellerrand ihres eigenen Ichs hinauszuschauen. Die Demokratie, die eigentlich ein gemeinsamer Lebensraum sein sollte, wird von ihnen in einen Raum verwandelt, in dem sie ihre eigenen Interessen ausweiten können.

Deshalb ist die größte Bedrohung für die Demokratie manchmal nicht der Autoritarismus von außen, sondern der Autoritarismus im Menschen selbst.

Denn in jedem Menschen leben zwei Neigungen nebeneinander: Die eine strebt nach Zusammenleben, die andere nach Herrschaft. Die eine sucht nach Gleichheit, die andere nach Überlegenheit. Eine demokratische Persönlichkeit zeichnet sich durch die Reife aus, das Streben nach Überlegenheit einzuschränken.

Deshalb beginnt Demokratie nicht an der Wahlurne.

Demokratie beginnt dort, wo der Mensch anerkennt, dass seine eigene Wahrheit nicht absolut ist. Sie beginnt dort, wo er die Freiheit des anderen als ebenso wertvoll ansieht wie seine eigene. Sie beginnt dort, wo er seine eigene Macht einschränken kann.

Schafft nun die demokratische Gesellschaft geformte Individuen, oder schaffen geformte Individuen die demokratische Gesellschaft?

Die Geschichte lehrt uns, dass die Demokratie nicht zuerst in den Institutionen, sondern in den Gewissen entstanden ist. Jeder demokratische Fortschritt begann mit dem Mut von Menschen, die die Grenzen ihrer Zeit überschritten haben. Die demokratische Gesellschaft hat diese Menschen nicht hervorgebracht, sondern den von ihnen gebahnten Weg weiter ausgebaut.

Daher ist nicht die Verfassung die eigentliche Grundlage einer demokratischen Gesellschaft, sondern die Persönlichkeit. Nicht das Gesetz, sondern das Bewusstsein. Nicht die Institutionen, sondern die Reife.

Vielleicht ist das größte Problem, mit dem die Menschheit heute konfrontiert ist, nicht der Mangel an Demokratie, sondern der Mangel an demokratisch denkenden Menschen.

Denn wir versuchen, eine Demokratie aufzubauen; doch wir bilden nicht genügend Menschen aus, die diese Demokratie tragen können.

Und vielleicht sollten wir uns nun folgende Frage stellen:

Brauchen wir eine neue Demokratie oder einen neuen Menschen, der Demokratie erst möglich macht?

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